Von denkerischer Monochromie, von wechselnden Perspektiven, vom allgegenwärtigen Hatertum und von ethischer und philosophischer Annäherung …

Vor ein paar Tagen landete ich via Facebook bei einem Youtube-Filmchen, das ein kleines Mädchen auf ihrem Kinderfahrrad zeigt. Dieses Mädchen wird von einem Polizisten aus seinem Streifenwagen herus zu einem Wettrennen herausgefordert. Die ganze süße Geschichte spielt sich auf einem großen Platz ab, und der Polizist macht es spannend, lässt das Mädel aber letztlich gewinnen. Das Kind ist unglaublich stolz und glücklich, reckt den Arm in die Luft und ruft mehrmals: “Ich habe gewonnen, ich habe gewonnen …” – gefilmt wird das ganze offensichtlich per Mobiltelefon vom Vater des Kindes, der seine Tochter anfeuert und dabei ihren Namen ruft, der da lautet Pomme. Ein ungewöhnlicher Name, nicht französisch ausgesprochen (mit leicht gehauchtem, fast unhörbarem ‘e’, sondern niederländisch gerufen, so wie geschrieben, mit deutlichem Doppel-‘m’ und gut hörbarem ‘e’… die Reaktionen auf diesen Film sind teils wieder einmal so frustrierend typisch …

Porky bei unserem ersten Treffen.

Man macht sich lustig über den Namen des Kindes, die Intelligenz der Eltern (die haben den Namen ja ausgesucht) und regt sich darüber auf, dass der Polizist Steuergelder verschwendet, da er seine Zeit nicht nutzt, um Verbrecher zu jagen und/oder Verkehrssünder zu schnappen. Allerdings, und das beruhigt mich ungemein, gibt es auch sehr viele Menschen, die das kurze Filmchen genießen und sich mit der Kleinen Pomme freuen. Hater nennt man diese Trolle wohl, die unter jeden Film, jeden Post oder jeden Newsartikel ihren ungewünschten und undifferenzierten Senf zum Besten geben müssen.

Juli 2018

Ein weiteres Beispiel für vorgefertigte Meinungen, denen häufig eine gezielte Falschinformation zugrunde liegt, kann man häufig lesen, wenn es um ach so gefährliche Tiere geht, die entweder aussterben (Bienen) oder es wagen, zurückzukommen, wie aktuell der Wolf. Hier im Grenzgebiet zu den Niederlanden ist auf niederländischer Seite ein Wolfspärchen ansässig geworden, das möglicherweise Nachwuchs bekommen könnte. Neben den erfreuten Stimmen muss man dann auch gleich wieder völlig abwegiges Gesülze lesen (muss man natürlich nicht, aber es hat einen ähnlich fesselnden Effekt, wie die spannende Szene im Horrorfilm). Die geilste Meinung war frei übersetzt: “Da ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten menschlichen Opfer zu beklagen sind”. Da macht sich beim halbwegs intelligenten Leser doch ein Hauch von Verzweiflung breit.

Im Folgenden wird dann nicht sachlich diskutiert, zumindest ist das eher die Ausnahme, sondern gnadenlos aufeinander eingehackt. Wer anderer Meinung ist, als man selbst, der weiß nichts, schnallt nichts und ist sowieso total blöd. Es scheint in den sozialen Medien nur noch Schwarz und Weiß zu geben, jede Schattierung von Grau ist aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Im letzten Artikel habe ich vom Dualismus berichtet, den es zu überwinden gilt, im Hatertum wird er besonders deutlich. Bestimmte Berufsgruppenwie Polizisten, Richter, Politiker und Ärzte beispielsweise, haben heute nicht ‘mal mehr eine Chance, etwas richtig zu machen, da es immer Menschen gibt, die etwas auszusetzen haben.

Porky

Dieses Schwarz-Weiß-Denken gibt es auch in der Streetfotografie. Streetfotografen sind nämlich entweder die Helden der Dokumentation, Retter des fotografischen Festlegens unseres Zusammenlebens, oder aber Verbrecher, die nicht anderes zu tun haben, als das Recht aller Menschen auf ihren Privatbereich zu verletzen und der Menschen Persönlichkeitsrechte zu torpedieren. Die ganzen verschiedenen Grautöne, die dazwischen liegen, die werden nicht mehr wahrgenommen. Woran liegt das?

Es liegt meiner Meinung nach an einem Mangel an Information, bzw. an falscher Information. Dazu kommt oft die nicht korrekte, bzw. nicht objektive Interpretation dieser lücken- oder fehlerhaften Information. Bei der Interpretation von Informationen spielt die eigene Perspektive immer eine sehr große Rolle. Die Brille, die man trägt, färbt die Wahrnehmung und die Sichtweise der Welt. Interessanterweise verändert sich die Perspektive eines Menschen oft abhängig vom Thema, das betrachtet wird. Wenn es um die Streetfotografie geht, kann man beobachten, dass oft diejenigen, die vehement gegen das gut komponierte Bild, das ein anderer von ihnen gemacht hat, sind, während sie in den sozialen Medien völlig gedankenlos Inhalte und Bilder von sich und ihren Familien posten, die viel unangenehmere Folgen haben können, als das Bild, das ein versierter Streetfotograf gemacht hat.

… welcome to the Porky-Show …

Leider gibt es immer auch die schwarzen Schafe, die den Vorurteilen und Ängsten der Menschen Nahrung geben. Diese schwarzen Schafe gibt es bei den oben genannten Berufsgruppen, den Wölfen (herrlich … da ist er endlich, der Wolf im Schafspelz) und natürlich auch bei uns Streetfotografen. Diese schwarzen Schafe übertreten hemmungslos Grenzen des guten Geschmacks und benutzen den Tabu-Bruch für Likes und Anerkennung in den sozialen Medien. Es darf jedoch mit Fug und Recht behauptet werden, dass diese Streetfotografen keine guten Fotografen sind. Wer seine ethischen Werte für Likes und Kommentare verschiebt, hat leider großen Einfluss auf den Ruf des gesamten Genres.

Ich fotografiere auf der Straße, ich mache auch ungefragt Aufnahmen von Menschen im öffentlichen Raum. Ich dokumentiere dabei einerseits das urbane Leben, andererseits verarbeite ich in meinen Aufnahmen einige meiner ganz persönlichen Dämonen. Daneben beschäftige ich mich nach wie vor mit Portraits Fremder, deren Genehmigung ich mir im Vorfeld einhole. Hierbei bespreche ich mit den Portraitierten, was mit den Bildern geschieht, und ich halte mich an die Versprechen, die ich gebe. Als Beispiel möchte ich Porky nennen. Im letzten Sommer habe ich eine Gruppe Obdachloser angesprochen und Bilder machen dürfen. Dazu gibt es einen Blogbeitrag aus dem Juli 2018. Porky überstrahlte alles und lieferte eine Show, die einige gelungene Aufnahmen ermöglichte, wobei es mir nur einmal kurz gelang, durch die Show hindurch einen Blick auf den Porky hinter dem Clown zu werfen. Porky bat mich seinerzeit, die Bilder nur auf dieser Seite zu zeigen und nicht bei FB und Co zu veröffentlichen. Ich habe mich daran gehalten, obwohl mich gerade dieser Mensch sehr interessierte, und mich seine Portraits sehr fesselten. Gestern habe ich ihn wieder gesehen und angesprochen. Er erkannte mich sofort und lachte über die Situation vom letzten Sommer. Gesundheitlich angeschlagen und deutlich dünner als vor einem halben Jahr, freute er sich, als ich ihm am Telefon seine Bilder zeigte. Die Nachricht, dass ich mich an unsere Absprache bezüglich FB gehalten hatte, fand er toll. Er hat mir darum erlaubt, die Bilder doch zu veröffentlichen, mehr noch, er hat mich gebeten, ihn nicht mehr zu fragen sondern ihn einfach zu fotografieren, wenn wir uns sehen. Natürlich hat er auch gestern wieder eine Show abgezogen, so dass ich an ein paar typische Porky-Bilder kam, aber auch gestern hatte ich ganz kurz die Gelegenheit zu einem kurzen Blick auf den Porky hinter der Maske. Ich freue mich darauf, mit Porky eine dokumentarische Serie zu starten und hoffe darauf, dass er mir mehr über sich erzählt. Natürlich habe ich ihm mein Kleingeld überlassen …

Show-Pause

Dieses Beispiel zeigt meine persönliche Herangehensweise auf. Meine ethischen Grenzen sind relativ eng gesteckt. Das bedeutet keinesfalls, dass alle Fotografen, die andere Grenzen haben, zu den bereits erwähnten schwarzen Schafen zu zählen sind. Jeder hat seine eigene Herangehensweise und das ist gut so. Nur so kommt diese grandiose Diversität in der Streetfotografie zustande. Eines jedoch ist nach meinem Credo extrem wichtig, und ich weiß, dass ich mich hier wiederhole. Der Fotograf, der das Leben auf der Straße dokumentiert, hat eines immer im Hinterkopf, und das ist der Respekt vor denjenigen, die er aufnimmt. Wer jedoch den Respekt vor seinen ‘Models’ verliert, um Likes, Kommentare oder Anerkennung zu erheischen, der sollte seine Haltung überdenken und daran denken, dass er dem Genre schadet.

Der Dalai Lama hat einmal gesagt, dass es nicht um die Tat geht, sondern um die Motivation, aus der heraus diese Tat geschieht. Aufgrund dieser These ist die Aussage “der halbtot im U-Bahntunnel liegende Alkoholiker gehört zum heutigen Straßenbild dazu, und deshalb ist es okay, ihn zu fotografieren und das Bild zu veröffentlichen” für mich persönlich zumindest diskussionswürdig. Hoffentlich nicht aus in Beton gegossenen Positionen heraus, sondern konstruktiv.

… verrücktes Huhn …

Was ich hier schreibe, ist meine Meinung, und ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es andere Meinungen gibt … und auch das ist letztlich gut so, auch wenn, oder gerade weil das bedeutet, dass wir nicht alle einer Meinung sein können.

Der Straßengeier

Zum Thema Ethik

4 thoughts on “Zum Thema Ethik

  • Februar 24, 2019 um 9:03 pm
    Permalink

    Hey Straßengeier. ich glaube, der Begriff Respekt wird überbewertet.

    Es gibt viele schlechte Bilder, ob respektvoll aufgenommen oder nicht. Und es gibt viele gute Bilder, ob respektvoll aufgenommen oder nicht.

    Ob ein Bild gut ist oder nicht, hat für den Betrachter nichts mit Respekt zu tun. Vielleicht subjektiv bedeutsam für den Fotografen* oder den Fotografierten*.

    Aber es lässt sich nicht fassen. Du verstehst wahrscheinlich etwas anderes unter Respekt als ich oder viele andere. Trotzdem ist dieser Begriff Grundlage einer Diskussion, was man* fotografieren darf. Ich fühle mich manchmal wie im Katechismus Unterricht.

    Was macht ein Bild zu einem guten Bild?

    LG, Ernst Wilhelm,

    Antworten
    • Februar 25, 2019 um 4:55 pm
      Permalink

      Hallo Ernst Wilhelm,

      wie immer verstehst Du es, die Diskussion anzuregen. Vielen Dank dafür. Ich bin absolut Deiner Meinung, wenn Du sagst, dass die Qualität eines Bildes nicht viel/ausschließlich mit Respekt zu tun hat. Ich wollte auch keine Diskussion über gute und schlechte Bilder in Gang bringen. Ich glaube jedoch, dass Respekt einen zentralen Platz in unserem Zusammenleben und somit auch in der Fotografie haben sollte.

      Um Gottes Willen keinen Katechismusunterricht, aber sich mit seiner Einstellung zu den Menschen auseinanderzusetzen ist meines Erachtes sehr wichtig. Wie wichtig dem Einzelnen Respekt ist, oder was er genau darunter versteht, bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Für mich ist eine Grenze überschritten, wenn der Fotograf wegen Likes jeglichen Respekt über Bord wirft.

      Was macht ein gutes Bild zu einem guten Bild? Das wäre ein gutes Thema für einen laaaaaaaangen Blogeintrag 😉

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten
    • Februar 25, 2019 um 4:46 pm
      Permalink

      Hallo Hans,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja, das mit Porky ist etwas besonderes …

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

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