Die Pusteblume

Ich streife mit meiner Kamera durch den Garten. Ich habe mein Makroobjektiv montiert und suche nach schönen Motiven. Nach Jahren der Fokussierung auf Motive der Straße, habe ich das Gefühl, dass es mir Freude bereiten könnte, wieder einmal etwas anderes vor die Linse zu bekommen. Die Sonne des noch jungen Frühlings sorgt jetzt am frühen Abend für ein ganz wunderbares Licht, und ich hoffe auf ein schönes Motiv, denn mein Auge ist eigentlich gar nicht mehr fähig, andere Fotomotive zu sehen, als die, auf die ich in den letzten Jahren so konzentriert war. Ich brauche heute irgendwie ein gutes Bild, denn heute ist der erste Tag einer Reihe von schlechten Tagen, an dem es mir redlich gut gelingt, meine Dämonen in Schach zu halten. Das Risiko ist groß, dass ich einen Rückfall erleide, wenn mir kein Bild gelingt, mit dem ich zufrieden bin, die letzten Tage waren ein schwerer Kampf, ich weiß auch gar nicht so genau, warum ich mir gerade jetzt in den Kopf gesetzt habe, ein gutes Foto machen zu müssen.

Ich fotografiere eine kleine Fliege, die auf der Makroaufnahme mit riesigen Augen in die Kamera schaut, ein paar Blüten, die vom Abendlicht durchleuchtet ihre Farbenpracht versprühen und ein paar Meisen, die sich den kleinen Goldfischteich als Badewanne auserkoren haben, und auf den Bildern im Zwiegespräch mit ihrem Spiegelbild vertieft zu sein scheinen. Alle diese Fotos sind durchaus gelungen, schöne Bilder, die sogar meinen hohen Ansprüchen an mich selbst Genüge tun, aber das eine Bild habe ich noch nicht. Das Bild, das meine Geschichte erzählen soll, ist noch nicht dabei. Die Sonne beginnt hinter den Bäumen zu verschwinden, ich werde ein wenig unruhig, weil ich immer noch auf der Suche nach meinem rettenden Motiv bin, als mit eine ganz unscheinbare Pusteblume auffällt, die vom Licht umflossen dasteht. Der sonst so perfekt runde und flauschige Ball der Samen ist vom Wind schon kräftig ramponiert, was in der Natur der Sache liegt, die Szene aber nicht attraktiver macht. “Schade”, denke ich und Enttäuschung macht sich in mir breit, denn so, wie es aussieht, werde ich ohne mein Bild wieder ‘reingehen und mich dem Kampf gegen mein Versagen stellen müssen.

Ich bin schon fast an der Haustür, als mit ein Bild in den Sinn kommt, das ich vor einiger Zeit irgendwo gesehen habe. Auf dem Foto eines mir unbekannten Künstlers war ein einzelner Pusteblumensamen abgebildet, der noch in der Blume feststeckte. Ich erinnere mich an die unglaubliche, durchgehende Schärfe des Bildes, das jedes Detail wiedergab und einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat. Was, wenn ich meine eigene Interpretation dieses Motives ablichtete? Natürlich habe ich weder die Erfahrung, noch die technischen Möglichkeiten, ein Bild mit dieser Detailtreue zu schießen, aber wenn es mir gelänge, eine gewisse Schärfe mit schönem Licht zu kombinieren, könnte das etwas werden? Würde ich es doch noch schaffen, ein Bild zu machen, das mich erfreut und mir ermöglichte die Periode schlechter Tage endgültig abzuschließen? Ich gehe zurück zu der ramponierten Pusteblume und fasse einen Entschluss. Trotz der fast verschwundenen Sonne nehme ich mir die Zeit, die Samen, bis auf einen, vorsichtig von der Blume zu lösen. Ein schwieriges Unterfangen, denn die kleinen Fallschirme stecken dicht an dicht in ihren Verankerungen und wenn ich ungeschickt bin, reiße ich den letzten auch noch heraus. Als noch drei von ihnen in der Blume stecken, werde ich etwas nervös, denn meine Finger sind im Vergleich zu den Samen gigantisch. Meine Hand zittert, als ich versuche, die zwei Delinquenten zu entfernen, die mich noch von meinem Bild trennen. Einmal, zweimal greife ich vor Nervosität daneben, ein drittes Mal gelingt es mir nicht, die Samen zu packen, denn sie sind miteinander verzahnt, und wenn ich Pech habe, reiße ich den letzten mit heraus. Ich starte einen letzten, etwas energischeren Versuch, und dann endlich habe ich sie zwischen den Fingern und puste sie in den leichten Wind, der sie davonträgt. Vor mir die Pusteblume mit einem einzelnen Samen, mein Motiv, mein rettendes Bild.

Plötzlich überfällt mich tiefe Traurigkeit, denn dieser einzelne Samen und mein Herausreißen der anderen kommt mir so bekannt vor. Es erscheint mir fast, als wolle er mir zurufen: „na, erkennst Du mich? Ich bin Dein Spiegelbild. Du hast mich isoliert, meine Umgebung so seziert, dass ich als letzter einsam hier festsitze, ein trauriges Bild Deiner selbst …“ Niedergeschlagen von dieser Erkenntnis lege ich die Kamera zur Seite, während die Sonne hinter dem jungen Laub der Büsche verschwindet. Hier krieche ich auf Händen und Knien im Schmutz vor einer geplünderte Pusteblume herum, die statt des rettenden Motivs zur Verkörperung meiner Nichtigkeit geworden ist.

Ich will aufgeben, mich aufrichten und weglaufen, als mich ein Gedanke anfliegt, wie der Samen einer Pusteblume. Warum hat mich das Bild des unbekannten Künstlers so angesprochen? Was war es, abgesehen davon, dass die Abbildung technisch so gut war? Da war mehr gewesen, und mit einem Male weiß ich, was es gewesen ist. Es war der Eindruck des einzelnen Samens, der in der Lage ist, neues Leben zu starten, der filigrane Einzelkämpfer, der vom Wind irgendwohin getragen, die Basis neuen Lebens sein kann, der Ursprung einer Blume, die den großartigen Namen Löwenzahn trägt. Gleichzeitig mit diesem Gedanken kommt das Sonnenlicht noch einmal zwischen den Blättern durch und es kommt mir vor, als wolle sie einem Scheinwerfer gleich meine wehrhaften Gedanken betonen, denn das Licht ist, durch das Laub fokussiert auf mein Motiv, noch schöner als vorher. Ich lege mich auf den Bauch, stelle die Kamera ein und mache mein Bild. Ganz bewusst verzichte ich auf extreme Details, eher fotografiere ich das Zusammenspiel zwischen Samen und Licht. Ich fotografiere Hoffnung, die Möglichkeit, wie Phoenix aus der Asche neu aufzustehen, aber auch die Notwendigkeit, mich auf mich selbst verlassen zu können. In der Szene sehe ich mich, wie ich mich isoliert, und von allem, was mir wichtig war abgewandt habe. Ich sehe die Traurigkeit, die der Situation innewohnt, aber gleichzeitig fotografiere ich den einen Fallschirm, der mich sanft zurück in ein neues Leben bringen wird, der mich davor bewahren wird, dass ich unsanft auf dem Boden der Realität aufschlage und dort zerschelle.

Schwerfällig richte ich mich auf, klemme den Objektivdeckel auf das Objektiv und gehe mit gespannter Zufriedenheit ins Haus. Dort setze ich mich an den Esstisch, starte den Computer und beginne mit dem Bearbeiten der Bilder des Tages. Die Fliege ist sehr gelungen, die Blüten haben den gewohnten Vorteil, dass Blüten immer schön sind, und die Meisen sind wirklich toll geworden. Ganz zum Schluss, als der Akku fast leer ist, gebe ich dem Pusteblumensamenbild seinen letzten Schliff. Es ist nicht perfekt geworden, auf dem Sensor der Kamera befand sich Staub, den man im Bild sehen kann, aber die Stimmung, die Schärfe und die Komposition geben genau die Stimmung wieder, die ich erzielen wollte, es zeigt, was ich fühlte, es ist ein gutes Bild geworden. Eines, das auf seine Weise meinen Ansprüchen entspricht. Vor allem jedoch bedeutet mir das Bild so viel, weil es so viel aussagt. Es erzählt meine Geschichte. Ich sehe das Foto und erlebe den Kampf mit mir selber, mein scheinbares Versagen und gleichzeitig die Hoffnung. Es spiegelt letztlich den Sieg über meine Dämonen wider, zumindest für dieses Mal. Diese Phase schlechter Tage ist abgeschlossen und ich bin guter Dinge, dass ich die nächsten schlechten Tage auch meistern kann. Es wird wieder schwierig werden, ich werde wieder kämpfen müssen, aber ich schaue auf das Bild meiner Pusteblume und weiß, dass ich es schon einmal geschafft habe.

Der Samen ist inzwischen vom Wind fortgetragen und wird irgendwo eine neue Zukunft beginnen. Das ist der Unterschied zwischen mir und dem Samen, während er vom Winde zu einem eher zufälligen Ziel getragen wird, habe ich die Möglichkeit, meine Zukunft zu beeinflussen, diese Beeinflussung geschieht im Hier und Jetzt, sie geschah genau in dem Moment, als ich vor der Blume kniete …

wieder eine Geschichte …

2 thoughts on “wieder eine Geschichte …

  • Juni 6, 2020 um 11:28 am
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    Sehr schöne Zustandsbeschreibung und ein interessantes Bild.
    Bei mir heißt der Löwenzahn, die Pusteblume schlicht “Bordsteinorchidee”,
    und kommt immer wieder vor die Linse!
    Auf bessere Zeiten!
    Gruß Thomas

    Antworten
    • Juni 6, 2020 um 11:59 am
      Permalink

      Hallo Thomas,

      vielen Dank für Deinen Besuch und Dein Kompliment. Bordsteinorchidee … das hat was.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

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