Striptease oder ‘mal nach innen gucken

Vom anderen Ich, von Gegesätzen und Gleichgewicht und von Seelenstriptease …

Selbstportrait … heute wird’s persönlich …

Ich wage mich heute einmal etwas weiter aus dem Fenster als normal und lasse Dich, lieber Leser, an meinen Gedankengängen der letzten Wochen teilhaben. Während ich diese Zeilen schreibe, finde ich das sehr spannend, denn aufgrund meines Interviews für den PxP-Pool und der darin gestellten Frage, was eigentlich die Geschichte hinter meinen Bildern ist, habe ich mich in den letzten Wochen zum ersten Mal tatsächlich tiefergehend gedanklich mit meiner Serie “ich scheiß auf’s Histogramm” beschäftigt, und bin mir da ziemlich nahe gekommen. Ansatzweise habe ich im Blogbeitrag “Fotografische Entwicklung” vom 09.09.2018 schon darüber berichtet. Die Frage ließ mich jedoch nicht los, und so habe ich viel nachgedacht …

… wie so viele, fand dieser junge Mann es ganz toll, dass ich ihn fotografieren wollte. Über die Bilder hat er sich gefreut …

Die Feststellung, dass ich in vielen meiner Bilder ein anderer bin, dass ich in meiner fotografischen Arbeit oft gegensätzlich zu meinem alltäglichen ‘Ich’ komponiere, und dass ich insbesondere mit den Portraits auf therapeutische Weise mein (früher) ziemlich unterentwickeltes Selbstbewusstsein behandele, ist also bereits formuliert.

Insbesondere meine High Contrast Serie jedoch gibt mir viel zu denken. Als Gefühlsmensch neige ich ja eher dazu, Dinge zu tun und erst später nachzudenken, manchmal brauche ich sogar einen Trigger, der mich dann aber auch oft katapultartig in einen reflektorischen Stand versetzt, schnell und weit. Damit meine ich, dass ich dann nicht nur von jetzt auf gleich, sondern auch sehr tief im Thema über selbiges nachdenke.

… schwarz … tiefschwarz …

Ich werde hier nicht den totalen Seelenstriptease machen, den ich oben angesprochen habe, sondern ein paar meiner Gedanken aufschreiben. Es geht mir weniger darum, mein Innerstes bloßzulegen, als darum, aufzuzeigen, wie wertvoll die gedankliche Auseinandersetzung mit den eigenen Fotos sein kann, wenn man sich darauf einlässt.

Die Serie an und für sich entstand aus dem Nichts. Es war einfach eine logische Entwicklung, und irgendwann stellte ich fest, dass ich tatsächlich mit einer Serie beschäftigt war. Etwas, dass ich bei mir eigentlich so gar nicht erwartet hatte. Dunkles Schwarz, auch wenn’s absäuft, und ein Weiß, dass das Histogramm so gerade eben noch nicht sprengt. Interessanterweise finde ich abgesoffenes Schwarz sehr cool, während ich ausgebranntes Weiß eher vermeide. Dazu kommen geometrische Formen, konsequente Führungslinien und oft relativ klein im Bild befindliche (in den meisten Fällen Einzel-)Personen.

… schwarz… Linien … und Don Quixote …

Diese drei Dinge, nämlich den starken Kontrast mit sehr viel schwarzem Anteil, das graphische Element und den kleinen, fast untergehenden Menschen, habe ich versucht, mit mir und meiner Situation in Verbindung zu bringen. Wo sind in mir die Kontraste, wo das tiefe Schwarz? Vielleicht bin das gar nicht ich, sondern ist das der Versuch, ein Gleichgewicht meiner Selbst mit meinem kreativen Output zu erschaffen? Was ist mit den Führungslinien, den Flächen und den geometrischen Formen? Wieder stellt sich die Frage, ob ich das bin, oder eher Ausdruck von etwas, das mir irgendwo fehlt? Zuguterletzt die kleine Einzelperson, die im Bild verloren scheint, wie in einem viel zu großen Anzug … mein persönliches Empfinden oder vielleicht doch eher Ausdruck meiner Sehnsucht nach Ruhe, die ich schon von Natur aus nicht habe?

… zwei …

Keine dieser Fragen kann ich für mich endgültig beantworten. Je nach (Stimmungs-)Lage finde ich Argumente für die eine oder die andere Antwort. Manchmal ist schwarz absolut die Farbe, die meiner Stimmung entspricht, in manchen Momenten stelle ich mir vor, wie toll es wäre, hätte ich mehr Struktur in meinem Kopf, und oft kämpfe ich im Alleingang gegen die Welt an, wie Don Quixote … aber auch der Wunsch nach mehr Erdung, mehr Gewicht und Ernsthaftigkeit (schwarz) ist mir nicht fremd. Strukturen sind mir insbesondere im Berufsleben zuwider, vor Allem, wenn sie beginnen, Freiraum einzugrenzen, weil sie in Form von Regeln und Gesetzen nichts anderes sind, als ein Kontrollmechanismus, der ein Anderssein nach Möglichkeit unmöglich machen soll, und manchmal wünsche ich mir geradezu meinen kleinen Platz auf einem grünen Hügel mit Aussicht auf die stürmische See, ganz allein in Meditation versunken, um ‘runterzukommen.

… kontrastreich … nicht nur meine Bilder …

Wie bei Gedichten, die ich früher in der Schule und später im Studium analysieren musste, fehlt mir in der Analyse von Bildern oft der emotionale Anteil. Natürlich sind da Techniken, Stilmittel und Formen, die etwas bestimmtes aussagen. Genauso ist der persönliche Hintergrund des Dichters wichtig für das Verständnis seines Werkes, und die Zeit, in der ein Gedicht entsteht, bietet ebenfalls viel Basis für eine Deutung. Trotzdem habe ich mich immer besonders gut aufgehoben gefühlt, wenn mein jeweiliger Lehrer verschiedene Interpretationen zugelassen hat, solange man sie anhand der gängigen Gesetzmäßigkeiten belegen konnte. Für mich war der Moment ein Eye-Opener, als ein Dozent mir klarmachte, dass alles zwei Seiten hat (mindestens) … in der literarischen Symbolik steht die Farbe Rot beispielsweise für die Liebe … und den Hass oder auch die Wut.

Ich komme für mich selbst zu dem Schluss, dass ich mit meiner Fotografie eine Möglichkeit gefunden habe, mich auszudrücken. Das Tolle daran ist, dass ich sowohl mein Inneres, als auch das genaue Gegenteil, nämlich das, was ich mir wünschen würde, in eine Form gießen kann, die je nach Blickwinkel unterschiedlich interpretiert werden kann. Das macht mich auf der einen Seite ganz aufgeregt, weil es noch so viel auszudrücken gibt, auf der anderen Seite werde ich ganz demütig und dankbar … super, all die Likes in den sozialen Medien, aber das, was ich da tue, hat so viel mehr Bedeutung für mich.

… werden die Linien enger oder weiter …

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von uns seine Bilder einmal aus verschiedenen Perspektiven anschauen sollte. Lasst es einmal zu, seid mutig und fragt Euch “warum mache ich das eigentlich?” Schaut einmal nicht nach der Technik oder dem optimalen Moment, lasst Euch einmal leiten von dem, was beim Betrachten der eigenen Bilder in Euch passiert. Das ergibt noch einmal einen ganz anderen Blick auf der Straße und personifiziert Eure Bilder. Die einfache Frage, warum ich dieses Bild nun gemacht habe, später dann warum ich das Bild machen will, und wieso genau auf diese Weise, bereichert die Sicht auf sich selbst und seine Arbeit. Viele Künstler haben ihre besten Werke in extremen Lebenssituationen oder Stimmungen geschaffen, warum sollte man dem nicht nacheifern und sein Inneres in seine Bilder einfließen lassen? Technisch schöne Fotos kann fast jeder, aber etwas mit Aussage, das kommt aus der Person.

Ich habe, wie versprochen, keinen Seelenstriptease gemacht, die Hosen aber etwas heruntergelassen. Das Nachdenken über meine Leidenschaft und ihre Verbindung zu mir selbst ist im Übrigen sehr befreiend. Ich glaube, ich werde heute Abend noch ‘mal raus gehen und versuchen ein paar schöne Bilder zu machen.

Der Straßengeier

2 Antworten zu “Striptease oder ‘mal nach innen gucken”

  1. Hey Strassengeier. Schon interessant, wie tief du kommst, mit deinen Fragen und deinem Vorgehen. Also was hat das tiefe (absaufende) Schwarz mit dem Fotografen zu tun. Oder geht es beim kreativen Output um ein Gleichgewicht zur Person des Fotografen selbst.
    Ich stelle mir immer wieder ähnliche Fragen (warum fotografiere ich das, warum gefällt mir das, aber auch: was hat mich fotografisch geprägt, wo gehe ich hin, gehe ich allein) komme zu Ergebnissen wie:

    . ein Weg zurück in das Alter, als ich zum ersten Mal mit Straßenfotografie konfrontiert wurde, was hat mich da beschäftigt, was hat meine persönlichen Werte begründet.
    . oder was ist Wahrheit. Ist Farbfotografie wahrer als schwarz weiß Fotografie. Ist eine fotografische Aufnahme wahr. Wie fotografiere ich Unsichtbares?
    . oder wie sozial ist Fotografie?

    Diese Ergebnisse bleiben für mich vorläufig, sind kaum endgültig.

    Was ich immer wieder feststelle. Einzelne Fotografien, “Photowalks” alleine oder mit anderen reichen mir kaum noch. Ich suche nach Serien oder Projekten. Das fällt mir schwer. Da kann ich mich selbst nur schwer entziffern, stehe mir mit meiner Kompliziertheit eher im Weg.

    Deine Beiträge inspirieren.

    1. Moin Ernst Wilhelm,

      wie immer vielen Dank für Deinen Kommentar und das wundervolle Kompliment am Ende desselben.

      Am besten gefällt mir Deine Fesstellung, dass die Antworten auf Deine Fragen kaum endgültig sind. Das ist meiner Meinung nach genau der Kern. Was ist endgültig? Gibt es so etwas wie Endgültigkeit überhaupt? Hui, jetzt wird es extrem philosophisch 😉

      Das Phänomen, sich selbst im Weg zu stehen, kommt mir sehr bekannt vor. Auch das trifft irgendwo den Kern, denn die Kompliziertheit, die oft in uns steckt, steht uns im Weg, wenn wir Klarheit suchen. Treffliches Thema für lange und intensive Diskussionen.

      Zuguterletzt erlaube mir die (natürlich nicht ganz ernst gemeinte) Bemerkung, dass unsere Generation doch genau weiß, dass die Antwort auf das Universum, die Existenz und einfach alles … 42 ist. 😉

      Herzliche Grüße

      Jens

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