Von zwei Gesichtern, von Herrenringen, von Emotionen und vom Schenken …

Ich habe schon eher von Porky berichtet, jenem Obdachlosen, der mir erlaubt hat, ihn zu fotografieren und seine Bilder zu veröffentlichen. Er vertraut mir darin und ich habe in einem anderen Post geschrieben, dass ich die Hoffnung habe, mehr von ihm zu erfahren, und seine Geschichte zu erzählen. Ich habe Porky vorgestern wieder getroffen …

Ein ganz besonderes Geschenk …

Ich hatte nach unserer letzten Begegnung ein paar der Bilder, die ich von Porky gemacht habe entwickeln lassen und sie in einen Umschlag gesteckt, den ich ihm geben wollte. Immerhin darf ich ihn ablichten, da fand ich es angebracht, um zumindest eine Kleinigkeit zurückzugeben. Vorgestern bin ich bei schönem Wetter durch die Stadt gelaufen und habe überhaupt keine Motive gesehen, weil ich im Grunde auf der Suche war, denn ich wollte die Bilder abgeben … aber von Porky keine Spur.

Ich hatte es beinahe aufgegeben und war schon auf dem Weg zum Auto, da sah ich ihn ganz allein auf einer Parkbank sitzen. Er trank sein Bier und schien die Frühlingssonne zu genießen. Schon von Weitem sah er mich, und ein Grinsen breitete sich auf dem, über den Winter schmal gewordenen, Gesicht aus. Er freute sich ganz offensichtlich, mich zu sehen. Das überraschte mich dann doch ein wenig, um ehrlich zu sein.

Erst ‘mal Theater spielen … der Herr der Ringe …

Wir begrüßten uns, und mein abgemagertes Gegenüber begann gleich wieder Scherze zu machen, als ich meine Kameratasche öffnete, um die Bilder herauszuholen, die ich ihm mitgebracht hatte. Er war völlig überrascht, als ich ihm sagte, dass ich etwas für ihn hätte. Er fragte, was es sei, und traute sich kaum, die Bilder auszupacken. “Die schaue ich mir heute Abend in Ruhe an, wenn ich alleine bin.”, sagte er mit einiger Rührung in der heiseren Stimme, er kriegt wohl nicht sehr oft Geschenke.

Ich begann zu fotografieren und fragte ihn, wie es ihm ginge. Es ging ihm nicht gut. Beim ersten Bild machte er noch seine Scherze, doch dann begann er zu erzählen und ließ mehr dann in den Malen, die ich ihn zuvor getroffen und portraitiert hatte, sein ernstes, nachdenkliches und trauriges Gesicht sehen. Ich will an dieser Stelle nicht den Inhalt des Gespräches wiedergeben, dass mich im Übrigen sehr berührt hat, das geschieht zu einem anderen Zeitpunkt, wenn Porky mir seine ganze Geschichte erzählt hat. Doch die Geschehnisse rund um dieses Treffen waren so besonders, dass sie allein einen Post allemal wert sind.

Das andere Gesicht …

Porky erzählte von seinen Kindern und davon, wie so einiges schiefging und wie er auf der Straße zurechtkam. Ich weiß noch nicht genug, um detailliert berichten zu können, aber ich habe einen groben Überblick bekommen, der mich in meinem Vorhaben bestärkt, Porky des Öfteren aufzusuchen und mir seine Geschichte erzählen zu lassen. Wir haben abgesprochen, dass ich seine Geschichte erzählen darf. Das allein empfinde ich schon als Privileg, denn er war mir gegenüber sehr offen und gab mir die Chance, ihn näher kennenzulernen.

Unser Gespräch war sehr intensiv und als ich mich verabschieden wollte, sagte Porky plötzlich, ich dürfe jetzt nicht weglaufen, denn er wolle mir auch etwas geben. Meinen Einwand, dass er mir genug gäbe, indem er mir doch erlaube, sein Dasein zu dokumentieren, ließ er nicht gelten. Er kramte in seiner Bauchtasche, bis er gefunden hatte, was er suchte, machte eine Faust, wie man es bei Kindern tut und forderte mich auf, meine offene Hand unter seine Faust zu halten. Er öffnete die Hand und ließ einen seiner Ringe in die meine fallen …

Ringe bedeuten ihm etwas …

Jetzt war es an mir, gerührt zu sein. Da sitzt jemand, der nun wirklich nicht viel hat, und der freut sich so sehr über mein Interesse an ihm, dass er mir einen seiner Ringe schenkt. Mehrfach betonte Porky, dass er sich jedes Mal so sehr freue, wenn ich zu ihm käme und wurde ein bisschen emotional. Ich wollte ihm wie gewohnt die Ghettofaust zum Abschied bieten, als er aufstand und sagte: “nee, so geht das nicht”, und mich fest drückte. Da stand ich dann, den Obdachlosen im Arm und hatte das Gefühl, diesem dünnen Kerl tatsächlich etwas zu bedeuten. Ich gebe zu, dass ich einen Kloß im Hals hatte, als ich ihn verließ. Nach ein paar Schritten drehte ich mich noch ‘mal um, und da stand er vor seiner Parkbank, mit hängendem Kopf und wirkte so entsetzlich einsam.

Ich habe Porky versprochen, ihn wieder aufzusuchen und mir seine Geschichte erzählen zu lassen, ich freue mich darauf, einem von der Gesellschaft vergessenen Menschen ein Gesicht geben zu dürfen, ich habe noch keine Ahnung, in welcher Form das geschehen wird, aber ich habe das Bedürfnis zuzuhören und Sprachrohr zu sein.

Der Straßengeier

Porky … eine Portraitserie

6 thoughts on “Porky … eine Portraitserie

  • März 24, 2019 um 8:38 pm
    Permalink

    Interessant und authentisch geschrieben. Das gefällt mir. Eine ehrenwerte, eine ehrenhafte Begegnung.
    Gleichwohl fehlt mir etwas. Das ist etwas, was mir selbst mit meinen Bildern kaum gelingt. Auch weil ich es so gut wie nicht probiere. Deine Geschichte könnte es vielleicht vertragen etwas gegen den Strich gebürstet zu werden? Wie leicht machst du es dem Leser und Betrachter, deine Geschichte zu konsumieren? Vielleicht fehlt ein bisschen Schärfe?

    Antworten
    • März 24, 2019 um 8:56 pm
      Permalink

      Hallo Ernst Wilhelm,

      wie immer lieben Dank für Deinen Kommentar. Ich beantworte Deine Frage, wie ich es bereits bei FB getan habe:
      Ich stehe am Beginn dieser Geschichte und könnte jetzt bereits viel mehr Schärfe ‘reinbringen. Da ich aber die ganze Geschichte noch nicht kenne, halte ich mich damit noch zurück. Die echte Geschichte wird, denke ich, verspreche ich, viel schärfer und eckiger.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten
  • März 25, 2019 um 11:49 am
    Permalink

    Hallo Jens, ich habe beim lesen selber einen Kloß im Hals gespürt. Auch ich habe schon mehrfach wenn auch unter anderen Umständen erfahren das Menschen die wenig haben einem gerne etwas geben möchten und es als “Beleidigung” ansehen wenn man es ausschlägt.

    Antworten
    • März 25, 2019 um 11:57 am
      Permalink

      Hallo Ralf,

      lieben Dank für Deinen Kommentar. ICh bleibe am Ball und hoffe, dass ich noch mehr von Porky schreiben kann, das Dich dann berührt.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten
  • März 26, 2019 um 7:02 pm
    Permalink

    Hallo Jens, so etwas habe ich auch schon erlebt. Es gibt so viel Armut auf der Welt, das man vor der eigenen Tür damit anfangen kann etwas zu tun. Siehe mein Buch Projekt #365 Tage.
    In den 365 Tagen habe ich gelernt mit Obdachlosen zu reden und umzugehen, jeder hat seine eigene Geschichte obwohl sie sich etwas gleichen. Wir sehen uns, danke für den Artikel.

    Stefan Kreienbrock

    Antworten
    • März 26, 2019 um 7:40 pm
      Permalink

      Hi Stefan,

      danke für Deinen Kommentar. Dein Projekt 365 Tage finde ich übrigens großartig, Kompliment.
      Wir sehen uns ganz sicher, und dann tauschen wir uns aus über unsere Erfahrungen. Freue ich mich schon drauf.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.