Der Kaffee

Der Rest der Familie schläft noch, während ich bereits seit einigen Stunden wach bin. Ich habe die letzten Einkäufe für das Osterwochenende gemacht und sitze jetzt wieder auf der Treppe, unter mir gegen die Kälte die Liegestuhlauflage, rechts neben mir der Hund, und auf der linken Seite ein Buch, meine Lesebrille und eine große Tasse dampfenden Kaffees. Der Kaffee dampft ziemlich stark, denn es ist kühl, viel kühler, als ich erwartet hatte, denn die letzten Tage sind sehr warm gewesen, teils über 20 Grad, und das Anfang April. Jetzt, so gegen halb acht, ist es jedoch kühl, frisch, wie der Niederrheiner sagt, wenn er zum Ausdruck bringen will, dass die Aussicht und die Gesellschaft zwar sehr angenehm sind, er aber eigentlich schnell wieder ins Haus möchte.

Ich habe gestern einen sehr schlechten Tag gehabt. Gleich morgens übermannte mich ein Gefühl tiefer Traurigkeit, das ich den ganzen Tag über nicht in den Griff bekam. Ich habe in den letzten Monaten in der Klinik so viele Skills erlernt, die ich täglich übe, die aber in erster Linie dann funktionieren, wenn man die negative Emotion an einen Gedanken koppeln kann. Diesen Gedanken, oder den Gedankenkreisel, kann man dann entlarven und relativieren, manchmal sogar umkehren in eine positive Stimmung. Das erfordert viel Übung und Disziplin, ist aber überaus wirksam, insbesondere, wenn man es letztlich so anwenden kann, dass man dem Unangenehmen gleich im Moment des Entstehens die Stirn bieten kann. Gestern konnte ich das nicht. Die Traurigkeit blieb den ganzen Tag, und so habe ich mich darin geübt, das zu akzeptieren, radikale Akzeptanz, das Annehmen unveränderlicher Tatsachen und dazugehöriger Gefühle, ohne sie zu bewerten. Die Königsdisziplin unter den Skills …

All die Skills, die Fähigkeiten, seine Emotionen und Gedanken zu regulieren, funktionieren erst dann, wenn ich achtsam mit mir umgehe. Ich muss mich kennen und aufmerksam wahrnehmen, bevor ich meine Gedanken erkennen und regulieren kann. Aus diesem Grunde war Achtsamkeit in der Klinik ein großes Thema, das immer wieder geübt wurde. Jetzt sitze ich hier, denke an den gestrigen Tag und freue mich, dass es mir heute besser geht. Die Traurigkeit ist nicht komplett verschwunden, so funktioniert das leider nicht, aber sie ist nicht mehr so tief, nicht mehr so allumfassend, wie sie gestern war. Ich schaue mir den dampfenden Kaffee an und beschließe, diese Tasse jetzt zu genießen, und zwar nur diesen Kaffee, nichts anderes, ich werde diesen Kaffee jetzt ganz achtsam trinken, und schauen, was in mir passiert.

Ich versuche, alles um mich herum auszublenden, nur den Akt des Kaffeetrinkens wahrzunehmen. Ich sehe den Dampf und spüre die Wärme, die durch die Wände der Tasse in meine Hände dringt, mit denen ich die Tasse fest umschlossen halte. Ich fühle, wie die Wärme scheinbar nachlässt, als meine Haut sich an sie gewöhnt hat. Als nächstes halte ich meine Nase über die Tasse und sauge den Duft meines Kaffees tief ein. Wie Jean-Baptiste Grenouille zerlege ich den Geruch in all seine Einzelteile, die warme Milch, das Aroma des Haselnusssirups, die Kaffeenote, all die Untergerüche, es ist faszinierend, wie anders so ein Kaffee duftet, wenn man ihn bewusst riecht. Meine Nase ist weit davon entfernt, der Perfektion des französischen Massenmörders auch nur nahe zu kommen, die Vielfältigkeit der Nuancen im olfaktorischen Erlebnis meines Kaffees lässt sich jedoch erahnen. Was für ein Genuss. Jetzt führe ich die Tasse an meine Lippen, spüre zunächst die leichte Kühle der Keramik und dann die wohlige Wärme des Getränkes, welches sich in meinem Mund zu einer Kakophonie äußerst angenehmer Geschmäcker entfaltet. Ich habe Mühe, all die Elemente zu erkennen, und erst beim zweiten Schluck gelingt es mir, einzelne Geschmackskomponenten voneinander zu trennen und zu analysieren. Alles andere um mich herum ist vergessen, als ich die Cremigkeit der Milch spüre, die Haselnussnote erschmecke und die leichte Bitterkeit des Kaffees von seinem schokoladigen Nachhall trenne. Ich erkenne den Moment, das Jetzt und genieße in diesem Augenblick die Tatsache, dass ich eben nicht an meine Traurigkeit denke oder an all die Dinge, die noch zu erledigen sind und die mir Stress bereiten. Dieser Moment der Achtsamkeit hat eine enorme Kraft und lehrt mich Demut und die ungeheure Wichtigkeit des Moments. Eine gute Erkenntnis für einen guten Beginn eines guten Tages.

Ich bin jetzt bereit, meine Situation gedanklich zu untersuchen. Ich sitze hier mit meinem Kaffee, den ich sehr genieße und lasse meine Gedanken schweifen. Mir kommt ein Gespräch in den Sinn, das ich vor ein paar Tagen mit meinem Sohn geführt habe. Es ging, wie so oft, um meine Depressionen und die damit verbundenen Schwierigkeiten, die sich natürlich auch auf die Familie auswirken. Insbesondere, wenn ich tief in meinem Loch stecke und mich aufgegeben habe, wenn diese Antriebslosigkeit da ist, die Menschen mit Depressionen kennen, die Menschen ohne Depressionen leider nicht verstehen können, weil sie so abwegig erscheint. Da sitzt der Mann stundenlang auf dem Sofa und schafft es nicht ‘mal, die Kaffeetasse in die Küche zu bringen, was objektiv ja nun keinen Sinn macht, denn es ist ja nur eine Kleinigkeit. Extrem unlogisch wird das Problem der nicht weggeräumten Tasse angesichts der durchaus vorkommenden Bewegung zum Kühlschrank und zurück, da sollte man doch eigentlich die Tasse einmal mitnehmen können, oder? Dass gerade diese verdammte Tasse am Ende gerade das Problem ist, kann jemand, der nicht direkt betroffen ist, nicht nachvollziehen. Wie denn auch?

Ich versuchte zu erklären, was dann in mir vorgeht. “Ich sitze dann da, schaue die Tasse an und realisiere, dass es eine Kleinigkeit ist, sie in die Küche zu bringen. Trotzdem bringe ich nicht die Energie auf, es zu tun. Die Tasse wird zum Feind, zum Symbol meiner Krankheit, denn sie beginnt, mich scheinbar anzugrinsen, was mich traurig macht, denn ich sollte doch wohl in der Lage sein, dieses bisschen Keramik wegzuräumen. Die Tasse verhöhnt mich, und ich sacke immer mehr in mich zusammen und scheitere grandios bei dem Versuch, sie wenigstens zu ignorieren.”

Mein Sohn versuchte mich zu verstehen, machte Lösungsvorschläge, die mich zutiefst rührten. Jedoch fehlte ihm das letzte Quentchen Begreifen, der Unterschied zwischen Verstehen und Begreifen, zwischen Wissen und Fühlen, zwischen Theorie und Praxis. In solchen Momenten greife ich gerne auf das Beispiel des Vaters zurück, der seinem Sohn das Radfahren beibringt. Zunächst wird er erklären, wo der Hintern hinkommt, die Füße und die Hände platziert werden, und dass der Sohn treten muss, um vorwärts zu kommen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Wenn er das Kind dann loslässt, wird es unweigerlich aus dem Gleichgewicht kommen, wahrscheinlich das ein oder andere Mal fallen, und viel üben müssen, bevor es wirklich radelt, und das, obwohl es die Theorie doch kennt.

Noch immer fehlte das letzte Verständnis für die Situation, als ich erklärte, dass jeder Verständnis hätte, wenn ich nach einem Unfall beide Arme und Beine in Gips hätte und deshalb nicht in der Lage wäre, die dämliche Tasse wegzubringen. “Die Depression und die Antriebslosigkeit sitzen aber zwischen den Ohren und sind von außen nicht zu sehen, deshalb gibt es immer wieder Unverständnis, das dann zu Diskussionen führt.” Mein Sohn nickte an dieser Stelle, und ich sagte: “Wenn ich da sitze und nicht aus den Hufen komme, dann kann ich das grad wirklich nicht, dann ist mein Gehirn eingegipst!”, und damit hatte ich es so formuliert,  dass es für meinen Sohn Sinn ergab. “Es bleibt schwer zu verstehen, aber das Bild vom eingegipsten Gehirn macht die Situation etwas deutlicher.” Es war ein gutes Gespräch.

Jetzt sitze ich hier, schaue mich um, die Sonne beginnt etwas zu wärmen, und in mir macht sich Ruhe breit. Eine Ruhe, die der Erkenntnis entspringt, dass mein Geist sehr stark sein muss, wenn er mich so sehr negativ beeinflussen kann, dass das Leben manchmal kaum noch Sinn zu ergeben scheint. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass ein Geist stark genug ist, in die Gegenrichtung zu wirken und mich positiv zu beeinflussen. Das ist allerdings eine Frage der Übung und der Disziplin, denn das, was ich über Jahrzehnte einstudiert habe, kann ich nur mit viel Zeit und Energie wieder umkehren, manches wird mir nie gelingen, aber die Art und Weise meines Umganges mit dieser Gewissheit, mit meinen Dämonen, wird von mir bestimmt. Dabei werde ich noch viel Unterstützung benötigen, und auch die Chemie in meinem Kopf wird noch eine gewisse Zeit notwendig sein, aber es gibt Licht am Ende des Tunnels. Erst arbeite ich an meiner Stabilität und dann kommt die Aufarbeitung des Dilemmas, das ich mir gebastelt habe und das mich immer wieder in dieses tiefe schwarze Loch fallen lässt. Ich kann das in den Griff bekommen und in Zukunft durch achtsamen Umgang mit mir selbst die Vorzeichen erkennen und ihnen entgegenwirken. Das Loch wird immer da sein, aber ich muss ja nicht immer wieder ‘reinfallen.

Ich sitze auf meiner Liegestuhlauflage und kraule meinen Hund. Der Kaffee ist leer, die Gedanken ruhig und die Stimmung viel weniger dunkel als gestern, nicht hell, aber ich kann wieder besser sehen, kann Dinge erkennen. Ich schaue mit mehr  Mut voraus und bin dankbar für den Kaffee, den ich sehr genossen habe. Ich setze meine Lesebrille auf und öffne das Buch, Zeit, ein bisschen zu lesen …

Noch eine Geschichte …

3 thoughts on “Noch eine Geschichte …

  • April 11, 2020 um 9:49 am
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    Danke, Jens!

    …diese Antriebslosigkeit ist schwer zu beschreiben. und schwer zu ertragen, weil man sie ja selbst nicht verstehen kann.
    Ja, du hast recht, sie ist unlogisch!

    Darf ich einen Teil deines Textes ggf. auf meiner Seite zitieren? Vielleicht schaffe ich es ja mal, mich dort zumindest teilweise zu erklären.
    Vielleicht wäre gerade jetzt ein guter Augenblick, da alle Welt darunter leidet, Zuhause bleiben zu müssen…Das macht mir umso bewußter, wie normal diese Situation für mich ist, da ich nach der Arbeit ohnehin fast immer Zuhause klebe.

    LG
    Karin

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    • April 11, 2020 um 12:42 pm
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      Liebe Karin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich freue mich, wenn ich treffend formuliere. Gerne darfst Du mich zitieren, vielleicht magst Du meine Site sogar verlinken. Ich habe das Gefühl, dass wir viele sind, und dass es uns gut tut, vernetzt zu sein. Pass auf Dich auf!

      Herzliche Grüße

      Jens

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      • April 11, 2020 um 2:55 pm
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        Danke, Jens, du auch auf dich.
        Mittlerweile glaube ich auch, dass es noch viel viel mehr Betroffene sind, als ich vermutet habe.
        Natürlich reißen wir alle uns in der Öffentlichkeit meist zusammen und erwecken so einen anderen Eindruck.
        Daher ist es ja so hilfreich von Menschen, bei denen man solche Gefühle nicht erwartet hätte, zu lesen oder zu hören.
        Dir auch herzliche Grüße und frohe! Ostern
        Karin

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