Von komischen Gefülen, von Vertrauen, von Abschied und von unvollkommenen Projekten …

Ein Nachruf

Dies wird ein recht langer Post. Einen Teil dieses Nachrufs macht ein Brief aus, den ich Porkys Ex-Frau Reni geschrieben habe. In diesem Brief sind meine Erfahrungen mit Porky noch einmal zusammengefasst. Auch wenn das ein oder andere bereits in anderen Posts geschrieben wurde … nehmt Euch die Zeit, Porky hätte es verdient und sich über Eure Zeit gefreut …

Porky bei unserem letzten Treffen im März … sehr nachdenklich und sichtlich angeschlagen.

Mein “Projekt Porky” ist vorzeitig beendet. Porky hat es leider nicht geschafft, sich von den gesundheitlichen Problemen, die er über den Winter hatte, zu erholen. Leberzirrhose und Lungenentzündung, dazu ein gebrochener Lebenswille waren zu viel für ihn. Porky ist am 13. Mai verstorben. Die Nachricht von seinem Tod hat mich härter getroffen, als ich erwartet hatte. Das Vertrauen, das er mir schenkte, das wenige seiner Geschichte, das er mir anvertraute und die Freude, die er ausstrahlte, wenn ich ihm mein Interesse an seiner Person zeigte, haben mich etwas gelehrt, doch dazu im Verlauf meines Briefes mehr. Meine aufrichtige Aufmerksamkeit war für mich eine Kleinigkeit, für ihn jedoch ein sehr großes Geschenk …

Über meinen Blog hat sich Reni, Porkys Ex-Frau, bei mir gemeldet. Zusammen haben sie einen 14-jährigen Sohn, Florin, mit dem sie in Berlin lebt. Ich habe ihr  Einverständnis, ihre Namen zu nennen. Die beiden wollten von mir wissen, wie ich Porky erlebt habe. Ich habe den beiden einen Brief geschrieben, den ich, wie es heute üblich ist, als Anhang an eine E-Mail zusammen mit etlichen Bildern, die ich von Porky gemacht habe, geschickt habe. Wir stehen in Mailkontakt, und ich erfahre so einiges über Porky, das sich mit seinen Erzählungen deckt, und das mich sehr betroffen macht. Den Brief werde ich hier posten, ebenfalls in Absprache mit Reni.

Ab und zu werde ich eine Anmerkung im Brief anbringen, die sich auf Informationen aus den Mails beziehen, welche ich aus Berlin bekommen habe. Ich werde jedoch darauf verzichten, zu tief in die Historie einzutauchen. Zu viele Dinge, die bedrückend sind, die ich aber nicht überprüfen kann. Ich glaube Reni absolut, denn ihre Informationen decken sich mit dem, was Porky mir anvertraut hatte. Ich werde mich jedoch hüten, Details preiszugeben, durch die sich andere Menschen aus Porkys Leben angegriffen fühlen könnten, das ist nicht mein Stil, und wie ich Porky einschätze, hätte er das so auch nicht gewollt. Der Porky, den ich kennengelernt habe war ein bescheidener Kerl, der in keinster Weise den Eindruck machte, auf eine Art Abrechnung aus zu sein.

In einer ihrer Mail schreibt Reni, dass sie Porky recht lange gesucht haben. Sie schickte einen Screenshot eines entsprechenden Facebook-Posts mit, der passenderweise kurz vor meiner ersten Begegnung mit Porky datiert ist, den ich aber nicht kannte … manchmal ist das Leben schon eigenartig.

Mein Brief:

-Liebe Reni, lieber Florin,

ich arbeite in den Niederlanden und bin das ‘Du’ gewohnt, mit Porky habe ich mich auch geduzt, ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich gar nicht erst mit dem ‘Sie’ anfange.

Ich freue mich sehr darüber, dass Ihr den Kontakt sucht und so viel über Porky erfahren wollt, wie nur möglich.

Ich habe den lieben Porky tatsächlich in den letzten 10 Monaten dreimal getroffen und fotografiert. Ich schicke noch ein paar Fotos im Anhang dieser Mail. Ein paar Bilder behalte ich unter Verschluss, da er zumindest zu Beginn sehr zweifelte, ob er diese Fotos jemandem zeigen wollte. (Anmerung: diese Bilder werde ich keinesfalls veröffentlichen … Vetrauen gegen Vetrauen.)

Ich versuche einmal, meine Begegnungen und Gespräche mit ihm zusammenzufassen. Ich bin für Rückfragen immer offen, wenn Ihr also etwas wissen wollt, schreibt mir einfach.

Zunächst einmal mein herzliches Beileid. Da ich an einer Schule arbeite, war es mir nicht möglich frei zu bekommen, ansonsten wäre ich gerne zur Beerdigung gekommen. Auch wenn ich Porky (noch) nicht wirklich gut kannte, hat er mich etwas gelehrt, doch dazu später mehr. In der Woche seines Todes habe ich ein paar Mal an Porky denken müssen, ich hatte mir einen kleinen Plan gemacht mit Ideen, wie ich seine Geschichte in meinem Blog weiterführen könnte. Eine Woche später bin ich auf dem Heimweg durch Kleve gefahren und hatte auf einmal so ein komisches Gefühl und dachte mir, es sei an der Zeit, mal wieder nach Porky zu schauen. Er hatte mir seinen echten Namen verraten, ich durfte ihn aber nicht weitersagen. Am Freitag bin ich dann nach der Arbeit zum Bäcker gefahren und habe ein paar Brötchen gekauft, weiche Brötchen, denn seine Zähne bzw. sein Zahnersatz saß nicht mehr so gut. An den bekannten Plätzen habe ich Porky nicht gefunden, das war aber öfter so, denn wenn er nicht gefunden werden wollte, dann war er auch nicht auffindbar. Das eigenartige Gefühl blieb. Am darauffolgenden Montag bekam ich eine Mail von einer Freundin von Porky. Die habt Ihr wahrscheinlich kennengelernt, und von ihr habt Ihr die Bilder. Die Nachricht von Porkys Tod hat mich nicht wirklich überrascht, aber doch sehr getroffen.

Ich habe Porky zufällig kennen gelernt. Im letzten Sommer lief ich an einem sehr heißen Tag im Juli durch Kleve. Ich fotografiere leidenschaftlich gern auf der Straße und arbeite an einer Serie, in der ich Menschen, die mir auffallen, anspreche und um ein Portrait bitte. An einer kleinen Kirche in der Innenstadt saß eine Gruppe Obdachloser, einer davon war Porky. Mit seinem coolen Äußeren (Bart, Tattoos und Ringe) fiel er mir sofort auf und ich fragte ihn, ob ich ihn fotografieren dürfte. Er war sehr gut drauf, fand die Idee großartig und hat Grimassen gezogen, wir nennen das hier am Niederrhein ‘Spökskes machen’, Unsinn machen. Nur ein Foto ist mir an dem Tag gelungen, auf dem er ernst in die Kamera schaut. Er hat vieles von dem, was ihn bedrückte weggelacht. Ich habe mich kurz mit der Gruppe unterhalten und einige Bilder gemacht, auch von den anderen Menschen. Porky wusste, dass ich seine Bilder in meinem Blog veröffentlichen würde. Er bat mich jedoch, nichts in den sozialen Medien (Facebook oder Instgram) zu posten, das war ihm nicht geheuer. Ich versprach ihm das, und obwohl ich wusste, dass er es kaum mitbekommen würde, wenn ich es doch täte, habe ich mich selbstverständlich an mein Versprechen gehalten.

Anfang des Jahres (am 23. Februar) traf ich Porky zufällig am Schwanenbrunnen in Kleve. Er saß dort in seiner dicken Jacke, vor sich einen Pappbecher und bedankte sich freundlich bei jedem, der etwas in diesen Becher warf. Ich sprach ihn  an, er erkannte mich und wir unterhielten uns. Ich zeigte ihm die Bilder, die ich im Juli gemacht hatte. Er war begeistert. Als ich ihm erzählte, dass ich mich an mein Versprechen gehalten hatte, nichts in den sozialen Medien zu veröffentlichen, war er ganz gerührt und erklärte mich kurzerhand zu seinem Haus- und Hoffotografen. “Du brauchst mich nicht mehr zu fragen, Du darfst mich immer fotografieren und kannst alles veröffentlichen.”

Sein Vertrauen hat mich sehr gefreut. Vertrauen gegen Vertrauen. Ich fotografierte ihn wieder, er machte wieder Unsinn, doch zwischendurch erwischte ich ihn ein paar Mal ernst, für mich als Fotografen sind das die interessanteren Bilder. Porky hatte im Vergleich zum Juli stark abgenommen und erzählte von einer Lungenentzündung, die er gerade halbwegs überstanden hatte. Alles in Allem war er jedoch recht positiv gestimmt, nicht so überdreht, wie im Juli, aber auch nicht so pessimistisch, wie bei unserem dritten und letzten Treffen. Ich verabschiedete mich und versprach, bald mit ihm an seiner Geschichte zu arbeiten.

Ziemlich genau einen Monat später, am 22. März, lief ich wieder einmal durch Kleve und sah ihn von weitem auf einer Parkbank sitzen. Es war ein recht warmer Frühlingstag, Porky hatte getrunken und stieß sein Bier um, als ich mich neben ihn setzen wollte. Das war ihm fürchterlich peinlich “jetzt kannst Du dich gar nicht setzen” … ich setzte mich also vor ihn auf den Weg und begann ihn zu fotografieren und mit ihm zu sprechen. Porky sah schlecht aus (ich wünschte, ich könnte anderes berichten) und war nicht wirklich guter Dinge. Für einen Moment machte er wieder Witze und zog Grimassen, aber ich bat ihn, so zu sein, wie ihm zu Mute war ‘” ich möchte Dich so portraitieren, wie Du wirklich bist”.

Ich hatte ihm ein paar Abzüge der Bilder mitgebracht, die ich von ihm bis dahin gemacht hatte. Er freute sich so sehr, dass er Tränen in den Augen hatte. Er wollte sich die Bilder später anschauen, wenn er allein war. Porky berichtete mir an diesem Tag zum ersten Mal persönlicher über sich. Ich weiß, dass er aus Dortmund stammt. Dort ist irgendwann etwas anlässlich einer Feier mit einer Fahne schiefgelaufen, was genau, weiß ich nicht. Er erzählte, dass er eine kurz Weile eingesessen hat und dann irgendwann nicht mehr wirklich auf die Beine gekommen ist. (Anmerkung: ich weiß inzwischen mehr über den Aufenthalt in der JVA, die Enttäuschung nach seiner Entlassung und dem daraus resultierenden Abstieg. Das gehört jedoch zu den Informationen, die ich hier aus o. g. Gründen nicht posten möchte … zumindest noch nicht.) Er fand das Leben nicht mehr wirklich lebenswert, klagte über das Trinken und seine angeschlagene Gesundheit, seine Stimme war immer noch nicht wieder zurück, Porky war sehr heiser. Er erzählte von seinen Kindern und sprach auch von Euch. Er erzählte nicht viel, aber ich hatte den Eindruck, dass er gern Kontakt gehabt hätte. Er gab nämlich an, Kontakt zu haben. Von Euch weiß ich nun, dass Ihr ihn gesucht habt, demnach war der Kontakt wohl eher ein Wunsch seinerseits. Im Gegensatz zu den ersten beiden Treffen lachte er nicht viel. (Anmerkung: Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Porky sich schämte und seinem Sohn in seinem Zustand nicht begegnen wollte. Reni beschreibt Porky als liebevollen Vater, der sich wohl sehr gefreut hätte, seinen Sohn zu sehen. Diesen Eindruck hatte ich ebenfalls.)

Ich machte mir Sorgen und probierte ihn aufzuheitern und versprach, mit ihm seine Geschichte zu schreiben. Das fand er eine schöne Idee, er wollte auch unbedingt noch Bilder machen mit seinem grünen Zylinder. Ich erzählte Porky von meinem Hund, den er auch gerne kennenlernen wollte. Er sagte mehrfach, wie sehr er sich freue, mich zu sehen.

Als ich gehen musste, bat er mich, kurz zu bleiben und kramte etwas aus seiner Bauchtasche, machte eine Faust und sagte “halte Deine Hand auf”. Ich tat was er sagte und er ließ einen Ring in meine Hand fallen. Ich war sehr gerührt und wollte den Ring gar nicht annehmen, aber er bestand darauf. Ich bedankte mich und hielt ihm meine Faust hin, um mich zu verabschieden. Das fand er nicht passend. Stattdessen stand er auf und umarmte mich fest und sehr lange. Dann sagte er “jetzt musst Du echt gehen, sonst fange ich an zu heulen”.

Ich ging, drehte mich nach wenigen Metern noch einmal um, und da stand er mit hängendem Kopf vor der Bank, den Rücken zu mir gekehrt und machte einen sehr einsamen Eindruck. (Anmerkung: diese Erfahrungen habe ich bereits in anderen Blogbeiträgen geteilt und hier im Brief noch einmal zusammengefasst. Das Bild, wie er da steht, will mir momentan gar nicht so recht aus dem Kopf.)

Dieser Tag, diese Begegnung mit Porky hat mich etwas sehr wichtiges gelehrt. Es gibt Menschen, die leben am Rande der Gesellschaft. Meist laufen wir an ihnen vorbei, ignorieren sie, oder wir machen sogar einen Bogen um sie. Die Tatsache, dass Porky sich so unglaublich über die Fotos und mein Zuhören gefreut hat, dass ihm die Tränen kamen, hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, jedem Menschen die Aufmerksamkeit zu geben, nach der er sich sehnt. Das, lieber Florin, hat Dein Vater mich gelehrt, und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es macht nichts aus, wer oder was jemand ist, wir sind alle Menschen und brauchen Begegnungen, Aufmerksamkeit und Zuhörer. Ich werde dank Porky diesen Weg weitergehen.

Wenn ich an unsere letzte Begegnung denke, überrascht es mich nicht, dass er letzten Endes den Kampf gegen die Lungenentzündung verloren hat. Die Kraft war einfach aufgebraucht. Ich habe aber auch den fröhlichen Porky kennenlernen dürfen. Den Porky, der Grimassen schnitt, und den Sommer genoss. Ich hätte ihn gerne noch näher kennengelernt und seine Geschichte aufgeschrieben.

Wenn Ihr mögt, könnt Ihr mir gerne von ich erzählen. Ich würde diesen Brief als Nachruf gerne in meinem Blog posten (natürlich ohne Eure Namen zu nennen, das ist selbstverständlich). Ich hänge noch ein paar Bilder an, ich gehe davon aus, dass Porky das gutheißen würde.

Wenn Ihr noch Fragen habt, meldet Euch. Ich war übrigens Anfang Mai noch in Berlin, so wie jedes Jahr um die Zeit.

Herzliche Grüße vom Niederrhein

Jens von Ewald-

Bei unserer ersten Begegnung im Juli 2018 … der Spaßvogel …

Ich habe inzwischen mehr erfahren. Vieles davon eignet sich tatsächlich für einen ziemlich dramatischen Bericht, den ich vielleicht irgendwann einmal schreiben werde. Ich habe keine Ahnung, welche Form ich dem Ganzen gebe, vielleicht eine Art Buch oder eine Anekdotensammlung. Ich danke Reni für die Informationen, die sie mir zukommen lässt, und für ihr Vertrauen. Porky hat mich in einem Maße berührt, dass ich noch einiges wissen möchte. Am liebsten wäre es mir gewesen, hätte ich das von Porky selbst hören können …

Der Straßengeier

Nachruf – Porky

2 thoughts on “Nachruf – Porky

  • Juni 2, 2019 um 2:02 pm
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    Hallo Jens,
    danke für diesen liebevoll geschriebenen Brief/Bericht und vor allem dafür, das Du einem kranken verzweifelten Menschen in seinem letzten bitterem Lebensjahr noch ein Freund sein konntest.
    Lieben Gruß
    Alex

    Antworten
    • Juni 2, 2019 um 2:14 pm
      Permalink

      Hallo Alex,

      lieben Dank für Deinen Kommentar. Da zu sein für andere kann winen wirklich erfüllen. Man lernt voneinander.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

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