Vom Loslassen, von kreativem Reichtum, vom Nachhausekommen und von Erleichterung …

Mit Leo auf dem Weg zum Flimser Stein (Bild hat meine Frau gemacht)

Ich war in diesem Sommer zwei Mal unterwegs in Gefilden, die sich sehr von meinen üblichen Fotorevieren unterscheiden. In den Sommerferien habe ich mich zwei Wochen lang mit der Familie in der Gegend von Flims in der Schweiz herumgetrieben, inklusive einem Ausflug nach Chur, und ein verlängertes Wochenende in Zeeland an der niederländischen See liegt gerade hinter mir. Warum beide Reisen sehr besonders waren und warum besonders das Wochenende in Zeeland emotional intensiv und fotografisch befreiend war, will ich im Folgenden zusammenfassen …

Street in Flims

Wer die Schweiz kennt, wird mich verstehen, wenn ich dieses Gefühl von Demut oder Bescheidenheit beschreibe, das mich überkommt, wenn ich in die wahnsinnig beeindruckende Natur der Berge eintauche. Wer Flims kennt, der kennt die Aussicht auf den Flimser Stein, einem gigantischen Felsen, der, wie von übernatürlicher Kraft dahingeworfen, die Aussicht über das Dorf prägt. Wir, meine Familie und ich, waren nicht zum ersten Mal dort, lediglich für unseren Hund Leo war alles neu. Wir haben uns entschieden, in diesem Jahr weniger Erkundungen mit dem Auto zu machen, und haben uns auf pure Erholung konzentriert. Lesen auf dem Balkon, viel Wandern mit dem Hund, die Seele baumeln lassen.

Chur

Natürlich habe ich viel fotografiert. Ich kann ja gar nicht anders. Das relativ neue Einkaufszentrum von Flims, die Stenna, besticht durch moderne Architektur, was mir in meiner Art der Fotografie sehr entgegen kam. Der Mensch als kleines Detail im Gesamtbild, geprägt von graphischen Elementen. Besonders in den Morgen- und Abendstunden kann man dort ziemlich coole Pics machen mit langen Schatten, die sich in die graphischen Elemente einfügen. Einen Tag war ich mit meinem Sohn in Chur, einer Stadt mit mittelalterlichem Stadtkern, der sich ebenfalls sehr lohnt, auch wenn er später am Tag recht überlaufen ist. Ich habe also recht viele Streetbilder gemacht … bis sich in mir irgendwann das Gefühl regte, meinen Eindrücken nicht gerecht zu werden. Zwar fand ich meine Bilder durchaus gelungen, aber irgendetwas in mir wollte an die Oberfläche. In den letzten drei Jahren habe ich mich total auf die Streetfotografie konzentriert. Leo war zwischendurch immer wieder ein lohnenswertes Motiv, denn ich habe den tollsten Hund der Welt. Daneben war jedoch nicht viel … während meiner Wanderungen durch die Flimser Natur drängten auf einmal andere fotografische Motivationen in den Vordergrund. Ich begann die großartige Landschaft mit ihrer Natur zu fotografieren, oft mit Menschen im Bild, aber vielfach ohne …

… braucht keinen Menschen …

Ein bisschen fühlte sich diese Entwicklung richtig an, fast war es eine Art Befreiung, zumindest aber eine Erleichterung. Nicht, weil ich keine Streetfotografie mehr betreiben wollte, sondern weil ich merkte, dass dieses kreative Element eigentlich die ganze Zeit da war, ich hatte es unbewusst durch meinen enormen Fokus auf die Straße regelrecht unterdrückt. Ich fotografierte völlig frei, sah ganz andere Dinge und Motive, und bin eigentlich nur einer meiner Prämissen treu geblieben: „Schwarz-Weiß ist mein Rock’n’Roll“ … nicht weil es meine Prämisse ist, sondern vielmehr, weil ich die Landschaften in Schwarz-Weiß noch beeindruckender finde, als in Farbe. Selbst Leo, der oft mit dabei war, habe ich vor dem Hintergrund der Felsen, Wasserfälle und Wälder monochrom abgelichtet. Ja, ich habe auch ein paar Farbversionen bearbeitet, aber die sind eher für die Familie gedacht, die meine Leidenschaft für “farblose” Fotografie nicht immer teilt.

… schön, beeindruckend, still …

Nach einem wunderbaren Aufenthalt in der Schweiz hatte ich am letzten Wochenende noch das Vergnügen, im Rahmen einer goldenen Hochzeit, ein Wochenende in Zeeland, Niederlande, zu verbringen, und das war ein ganz besonderes Wochenende. In Zeeland haben wir jahrelang unseren Urlaub verbracht. Wir kennen die Gegend also sehr gut. Vor ein paar Jahren ist die Möglichkeit extrem günstig einen der Starcaravans zu bewohnen leider weggefallen, und leider ist die Region so teuer geworden, dass man für das gleiche Geld auch an weiter entfernten Flecken Urlaub machen kann. In den letzten Jahren waren wir also kaum in Zeeland, und die Kombination aus Wiedererkennung und dem großartigen Wetter war für uns irgendwie wie eine Heimkehr. Es ist schwer zu erklären, aber wir alle hatten das Gefühl nach Hause zu kommen. Fotografisch bedeutet das für mich die volle Konzentration auf die Umgebung, die ich insgeheim doch sehr vermisst hatte. Ich dachte nicht einmal wirklich an einen Ausflug in die Stadt, den ich sonst immer auf meinem Programm habe, denn die Streetfotografie rückte an diesem Wochenende dann fast komplett in den Hintergrund. Früh morgens den Segelschiffen bei der Ausfahrt aus dem Hafen zuzuschauen und im richtigen Moment auf den Auslöser u drücken … wie geil fühlte sich das an … und wie cool sieht ein Sonnenaufgang in kontrastreichem Schwarz-Weiß aus …

… in die Ferne schauen …

Ich bin mit Leib und Seele Straatfotograf, aber ich habe gelernt, dass es nicht gut ist, mich dauerhaft zu beschränken. Ich sehe wieder mehr Dinge, als nur das Geschehen auf der Straße. Einerseits verwirrt mich das etwas, auf der anderen Seite ist das sehr befreiend. Vor allem die Bilder mit Leo, der so unbeschwert die Gegend erkundet und in die weite Welt hinausschaut bedeuten mir sehr viel …

Der Straßengeier

Mal ‘was anderes …

6 thoughts on “Mal ‘was anderes …

  • August 28, 2019 um 8:13 am
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    Ja, du lieber Strassengeier.

    Bist ein Geier. Fliegst hoch und aus der Höhe sieht die Welt anders aus. Ich bin gespannt, wo deine Reise hingeht. In deinen Blogbeiträgen geht es ja viel um dein Gefühl für deine Grenzen, oder?
    Deine Bergbilder sind schon was besonderes. Würde ich gerne auch größer sehen. Sie sind ein wenig klein auf deiner Webseite. Ich ertappe mich immer dabei, daß ich nach einer Vergrößerungsmöglichkeit suche 🙂

    Danke, Ernst Wilhelm

    Antworten
    • August 28, 2019 um 8:30 am
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      Lieber Ernst Wilhelm,

      wie immer sehr verlässlich der erste, der kommentiert. Vielen Dank für Deine Treue und Deine Anregungen … um ehrlich zu sein, ich suche die Vergrößerungsmöglichkeit auch noch, aber jedes Mal, wenn ich mich hier mehr vertiefe, lerne ich etwas dazu … die Vergrößerungen werden das nächste Detail sein.

      Grenzen, ja … immer ein Thema, vielleich sogar insgeheim mein Hauptthema … besonders das Versetzen derselben …

      Herzliche Grüße, Jens

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      • September 5, 2019 um 8:52 am
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        Hallo Jens,
        ich habe mich schon in letzter Zeit über deine Bildmotive gewundert, jetzt habe ich die Erklärung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, Streetfotografie alleine ist es auch nicht. Wobei ich mich hier mit dir weder messen kann noch will. Andere Motive weiten den Blick und deine Bilder von den Bergen und vom Meer sind einfach faszinierend.

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        • September 5, 2019 um 9:26 am
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          Lieber Wilfried,

          vielen Dank für Deinen Kommentar und das Kompliment, ich freue mich sehr. Ich glaube eines der Geheimnisse im guten Umgang mit sich selbst ist das Zulassen von Entwicklung. Viel zu oft schränken wir uns ein oder lassen wir uns einschränken. Achtsamkeit auch sich selbst gegenüber …

          Herzliche Grüße

          Jens

          Antworten
  • August 29, 2019 um 10:25 am
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    Hi,
    schöne Fotos, klasse ! Und die Geschichte drumrum kann ich super nachvollziehen… 😉

    Bzgl. Vergrößerung wird das wahrscheinlich ohne entsprechende Plugins nichts werden, schätze ich.
    Beispielhaft (ggf geht´s sogar damit) schau mal hier in den Link:
    https://de.wordpress.org/plugins/image-zoom/
    Herzlich grüßend, Dirk

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    • August 29, 2019 um 3:58 pm
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      Hallo Dirk,

      lieben Dank für Dein Kompliment und den Link zum Plug-In, ich werde mir das am Wochenende ‘mal anschauen, vielleicht ist das tatsächlich die Lösung.

      Herzliche Grüße – Jens

      Antworten

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