Von Farbe, von neuen Perspektiven, von Begegnungen der besonderen Art, von Gehversuchen mit der GRIII und von meinem Rock’n’Roll …

Berlin in Farbe …

Ich bin seit gestern zurück aus Berlin. Wie jedes Jahr in den Mai-Ferien, ziehe ich mich aus meinem Alltagleben zurück und verschwinde in eine meiner Lieblingsstädte, wo ich mich eigenartigerweise seit meinem ersten Besuch irgendwie heimisch fühle. Berlin bedeutete in den letzten Jahren immer viele gelaufene Kilometer, viele Fotos und einfach eine gute Zeit. Dieses Mal war bis auf die vielen Kilometer alles ein kleines Bisschen anders und das ist ausgesprochen gut so …

… fast allein in der Berliner S-Bahn …

Zum einen logierten dieses Jahr Sebastian und Janine zusammen mit mir bei meiner Tante, was mich sehr gefreut hat, denn die beiden bedeuten immer viel Spaß und eine sehr inspirierende Zeit. So kam es dann auch, dass ich die Wohnung meiner Tante meist später verließ als geplant, denn das gemeinsame Frühstück mit den guten Gesprächen war noch viel geiler als das Fotografieren. Überhaupt habe ich dieses Jahr weit weniger fotografiert. Neben der Tatsache, dass ich Alex Pfeiffer und Roland Groebe für Soul of Street interviewt habe, durfte ich mit den beiden zwei Menschen kennenlernen, die mich mit ihren Geschichten so gefesselt haben, dass sich auch während dieser Begegnungen die Kamera viel im Ruhemodus befand. Mit beiden bin ich durch ihren Kietz gelaufen (mit Alex durch Friedrichshain und mit Roland durch Kreuzberg) und habe abseits der Touristenrouten viel über die Ortsteile gelernt. Martin U Waltz, den ich durch die Zusammenarbeit an einem Artikel, der früher im Magazin erschienen ist, schon etwas kannte, hat mich am Freitag Nachmittag an die Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln auf den türkischen Markt entführt, und mir damit ein Erlebnis beschert, das wirklich alles beinhaltete, angefangen bei den intensiven Eindrücken des Marktes, der einen fast in den Orient katapultiert, und vorsichtiger Zurückhaltung an bestimmten U-Bahn-Stationen, wo ich auf dem Rückweg doch froh war, dass ich nicht aussteigen musste. Hier werden fast öffentlich Drogen gehandelt und konsumiert, und das in einer Atmosphäre, die nicht gerade heimelig wirkt.

Auf dem türkischen Markt

Bisher hatte ich das Glück, dass ich mich mit den Fotografen, die ich interviewen darf, immer gut verstanden habe, dieses Mal war es aber besonders intensiv, und das sage ich nicht nur wegen der erhöhten Frequenz meiner Begegnungen. Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar für diese ganz besonders intensive und inspirierende Woche, möchte aber auch auf einen weiteren Umstand eingehen, der mich dazu inspiriert hat, neue Wege auszuprobieren. Ich hatte aus der Redaktion die Ricoh GRIII mitgenommen, um sie endlich ausgiebig zu testen. Leider musste ich sie ab und zu an die Powerbank hängen, da mir für die Reise nur ein Akku zur Verfügung stand, was dem Spaß, den die Kleine macht aber keinen Abbruch tat, denn ich hatte meine GRII ja auch in der Tasche. Nach einem kurzen Test, den ich vor ein paar Wochen machen konnte, kann ich bestätigen, dass das Firmware-Update 1.10 den Autofokus deutlich verbessert hat. Allerdings neigt die Kamera jetzt bei extrem hellen Lichtverhältnissen im Automatikmodus leicht zum Überbelichten. Das kann man jedoch, wenn man es weiß, leicht korrigieren. Die Kamera macht einfach einen Höllenspaß, und sie hat mich dazu gebracht, in Farbe zu arbeiten, was normalerweise gar nicht dem Geier-Habitat entspricht. Die Farbwiedergabe der GRIII ist wunderschön, was mich zeitweise fast aus dem Tritt gebracht hat, um ehrlich zu sein. Ich war mir meiner fotografischen Identität ab und zu tatsächlich nicht mehr ganz sicher.

Manchmal braucht man Geduld

Die Motive, die sich mir offenbarten, entsprachen in Berlin nicht immer dem, wofür meine Fotografie im Allgemeinen steht. Auf einmal waren in bestimmten Situationen die klaren Linien, das Graphische und die eher kleinen Menschen nicht mehr das zentrale Element, sondern wurden durchaus auch direkte, konfrontierende Aufnahmen der Menschen um mich herum zentraler Bestandteil meiner Aufnahmen, und das teils dann auch in Farbe.

Portrait

Es ist bestimmt nicht so, dass der Geier jetzt zum Strassenpapagei wird, aber die neue Erfahrung “Farbe” eröffnet neue Möglichkeiten, vielleicht sogar den Beginn einer neuen Serie. Sie macht mich flexibler, erweitert den Horizont und den Blick. Eines will ich aber nicht verschweigen, nämlich dass ich mich im Nachhinein noch einmal die Bilder angeschaut und bearbeitet habe, wobei der Anteil der Fotos, die letztlich farbig geblieben sind, stark geschrumpft ist. Abgesehen davon, dass ich sowieso nichts von den Aussagen halte, die mir vorschreiben wollen, dass Fotografie unbedingt farbig sein muss, habe ich festgestellt, dass Schwarz-Weiß mein Rock’n’Roll ist. Ich habe kürzlich die Band Greta van Vleet für mich entdeckt. Diese Band klingt wie die geilsten Bands aus den 70ern, der Sänger muss irgendwie verwand sein mit Robert Plant und der Sound ist so retro, wie es eben geht … mein Rock’n’Roll halt.

Rolltreppe

Meine Vorliebe für die Klarheit von Schwarz-Weiß ist mir an einem Bild ganz besonders klar geworden. Ich habe im Holocaust-Mahnmal eine Dame fotografiert, die ganz in Gedanken versunken zwischen den Stelen wandelte. Sie trug einen Hut und farbig aufeinander abgestimmte Kleidung, die wirklich geschmackvoll aussieht und im Grau des Mahnmals einen sehr schönen Kontrast darstellt. Ich mag das Bild sehr, gerade wegen dieses Kontrasts … aber warte ‘mal, ich wollte doch die Betroffenheit der Dame, ihre Nachdenklichkeit zeigen … das tat ich in dem Foto in seiner farbigen Version aber gar nicht. Erst als ich das Foto in der klassischen Geiermanier bearbeitet hatte, schwarz-weiß mit starkem Kontrast und viel Klarheit, kam zur Geltung, was ich eigentlich erreichen wollte. Ich mag beide Bilder sehr, ich bin stolz auf beide Versionen, es ist schließlich das einzige Mal, dass ich in der Gedenkstätte ein klein wenig den Eindruck bekam, was Roland Groebe fotografisch so fasziniert an diesem Ort, aber ich habe immer die Aussage Ted Grants im Kopf “wenn Du Menschen farbig fotografierst, dann fotografierst Du ihre Kleidung. Fotografierst Du sie in Schwarz-Weiß, dann fotografierst Du ihre Seele”. Gerade bei diesem Bild wird mir die Bedeutung dieses Zitats bewusst. Für mich persönlich hat dieser Vergleich Gültigkeit.

Die Dame im Mahnmal … hier liegt der Fokus auf der Farbe der Kleidung …
“… während hier mehr die Haltung und die Mimik in den Vordergrund gerückt wird.

Dass meine Einstellung in der Frage Schwarz-Weiß oder Farbe keinerlei Allgemeingültigkeit besitzt beweist Roland Groebe in seiner Serie über die Menschen, die das Mahnmal besuchen auf eindrückliche Weise. Die Serie und das dazu erschienene Buch “The Ghosts Of The Memorial” beinhaltet sowohl monochrome, als auch farbige Aufnahmen, die sich sehr, sehr gut ergänzen. An dieser Stelle spreche ich dann auch gerne eine Empfehlung für das Buch aus.

Ich habe dieses Mal in Berlin an viereinhalb Tagen gute 100 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, viel selektiver und somit weniger als je zuvor fotografiert (was aber zu besseren Bildern geführt hat), enorm inspirierende Gespräche und Begegnungen gehabt und Berlin teils ganz neu kennengelernt. Ich liebe diese Stadt jetzt noch ein kleines Bisschen mehr, erfreue mich an neuen, interessanten Perspektiven, und habe erkannt, was mein Rock’n’Roll ist.

S-Bahnhof Friedrichstraße mit Blick Richtung Osten

Die Streetfotografie ist meine Leidenschaft. Ich lerne tolle Menschen und mich selber besser kennen und habe in ihr eine Möglichkeit gefunden, mich auszudrücken … bis Ende Juli übrigens sogar im Rahmen der Streeteye-Ausstellung im Huis Kinesis im schönen Delft, wo zwei meiner Bilder zwischen denen namhafter niederländischer Fotografen hängen … ich liebe die Streetfotografie!

Der Straßengeier

Liebeserklärung

2 thoughts on “Liebeserklärung

  • Mai 5, 2019 um 5:58 pm
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    Hey Jens. Wenn soviele Menschen im Austausch dabei sind, muß es übervoll gewesen sein. Klasse.

    Um die Gespräche beneide ich dich ein wenig, aber ich suche den Kontakt nicht. Ich bin halt so. Ändert sich vielleicht, vielleicht. Um den Türkenmarkt beneide ich dich auch,.

    Was dein Holocaust Foto angeht, bzw. die beiden Versionen. Mit gefällt die Farbversion deutlich besser. Vielleicht oder wahrscheinlich wird die Seele der Frau da nicht so gut getroffen, da bin ich bei dir. Aber der Spannungsbogen zur “Gedenkstätte”, der mit dem Denkmal verbundene Wunsch, die Gedanken an die Vergangenheit zu weiten (meine Interpretation) wird für mich sehr schön illustriert.

    Alles Gute und ich freue mich auf deine Bilder 🙂

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    • Mai 5, 2019 um 6:27 pm
      Permalink

      Moin Ernst Wilhelm,

      danke für Deinen Kommentar. Ähnlich wie Du, bin ich auch nicht wirklich auf der Suche nach Kontakten. Bei meiner diesjährigen Berlinreise haben sich die Dinge so ergeben, unter anderem auch, weil ich Interviews für SoS geführt habe, die sich zu tollen Begegnungen entwickelt haben.

      Deinen Einwand wegen des Mahnmal-Bildes kann ich gut nachvollziehen. Die Farbversion ist ein Eye-Catcher (ich hoffe, das kommt nicht arrogant ‘rüber), es hängt tatsächlich ein bisschen davon ab, was man aussagen will.

      Wie gesagt, ich hatte eine großartige Woche … und ja, da kommen noch ein paar Bilder

      Herzliche Grüße nach Hamburg

      Jens

      Antworten

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