High Contrast – ich scheiß’ aufs Histogramm

 

Von einer neuen Serie, von unangepasstem Sprachgebrauch und vom selbstfindungsbedingten Sprengen von Ketten …

 

Dem geneigten Leser ist keineswegs neu, dass ich Grenzen, Kästchendenken und Dogmas nicht viel abgewinnen kann, und ein Großteil meines Strebens, sowohl meine fotografische Arbeit, als auch meine Lebensführung betreffend, dem Verlegen des Ersten, dem Aufbrechen des Zweiten und dem Ignorieren des Letzteren gilt. Ich kann mir selten wirklich merken, was ich wann und wo genau gelesen habe, weshalb mir und meinen verbalen Ergüssen immer ein wenig der Zweifel der Belegbarkeit anhaftet. Trotzdem möchte ich kurz erwähnen, wie ich zu meiner Serie kam, die nämlich getriggert wurde durch die sinngemäße Aussage (wahrscheinlich bei Facebook), Silhouetten seien nicht mehr en vogue und eigentlich anspruchslos. Derartige Verallgemeinerungen lösen bei mir fast immer spontanes Aufbegehren aus, welches ich dann entweder in hitziger Diskussion, oder durch den Beweis des Gegenteils durch Aktivität zum Ausdruck bringe. Abgesehen davon hatte ich noch nie das Bedürfnis, en vogue zu sein, obwohl ich natürlich schon genieße, wenn meine kreativen Auswüchse möglichst viele Menschen berühren. Doch eigentlich wollte ich von meinem Projekt berichten …

Mein letzter Blogeintrag endet mit der Bemerkung, dass ich Kontraste mag, und ich habe schon früher erwähnt, dass ich dem Histogramm nicht viel abgewinnen kann. Natürlich ist es ein gutes Hilfsmittel, wenn es um perfekte Bilder geht, aber was ist schon perfekt? Wenn ich zuhause meinen Fernsehtisch anschaue, dann sind in dem Fach, wo der Receiver platziert ist, und zwischen den Kabeln ziemlich viele dunkle, ja sogar sehr dunkle Schatten. Diese Flächen sind aus Ermangelung von Licht ganz einfach schwarz, und auch, wenn ich mir dessen bewusst bin, dass sich die Maserung des Holzes, welches um die schwarzen Flächen herum zu sehen ist, fortführt, kann ich in den Schattenflächen keinerlei Struktur erkennen. Warum also sollte ich bei meinen Bildern so viel Wert darauf legen? Warum darf mein Schwarz nicht absaufen, und warum mein Weiß nicht ab und zu etwas ausgebrannt erscheinen? Aus diesem Grund entstand meine neue Serie, die ich provokanter Weise “High Contrast – ich scheiß‘ aufs Histogramm” genannt habe.

Herrlich unkonventionell, und auch wenn meine Wortwahl heutzutage eigentlich keine Sau mehr unruhig werden lässt, erfreue ich mich schon altersbedingt diebisch an dem unterschwelligen Gefühl geradezu revolutionärer Anmutung meines Projektnamens. Da wir von Soul of Street unser wunderbares Magazin auf der Photokina Ende des Monats am Stand von Ricoh vorstellen dürfen, und da ich am Messe-Freitag sogar ein eigenes “Meet and Greet” bekomme, habe ich kurzfristig daran gedacht, den Titel etwas eleganter zu formulieren. Mir schwebte so etwas vor, wie “High Contrast – das Histogramm wird überbewertet”, aber Horst, der unter anderem für das Layout des Magazins verantwortlich ist, fand, dass die etwas zurückhaltende Version des Projektnamens nicht meinem fotografischen Ich entspräche, und so bleibt es bei dem Titel.

Die Möglichkeit meines eigenen Meet and Greets hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich wollte ich mich hier im Blog nie allzu intensiv mit Equipment beschäftigen, und mich quälen ziemliche Selbstzweifel, ob meine Bilder tatsächlich auf einem Niveau sind, dass eine solch großartige Gelegenheit, meine Arbeit einem breiteren (Fach-)Publikum zu präsentieren, auch angemessen ist. Meine Zweifel zerstreue ich bewusst mit viel Freude und purer Begeisterung angesichts dieses Abenteuers auf der Messe, welches für mich einen riesigen Schritt bedeutet. Irgendjemand auf dieser Welt findet meine Bilder gut genug, das nehme ich einfach ‘mal so hin und genieße still – relativ still, denn still ist ja nicht wirklich ein Adjektiv, das mich gut beschreibt.

Zum Punkt Equipment will ich Folgendes sagen: ich habe eher schon angegeben, dass ich nicht auf ein bestimmtes Produkt fixiert bin. Im letzten Blogeintrag, in dem es um mein Portrait-Projekt ging, habe ich bereits angedeutet, dass ich sowohl die GRII von Ricoh, als auch meine Oly gerne mit dabei habe. Die Oly finde ich insbesondere bei den Portraits sehr angenehm, gerade in Kombination mit dem 45mm Objektiv. Ich werde hier auch keine reine Produktbesprechung machen, möchte aber doch etwas näher auf die Vorzüge der GRII eingehen, die ich in den letzten Wochen intensiver im Gebrauch habe.

Die GRII brauche ich als Kamera nicht mehr vorzustellen. Die technischen Daten, das Design und die Eignung für die Streetfotografie wurden schon ausreichend im Netz besprochen. Für mich sind zwei Dinge besonders erwähnenswert, wenn es um die kleine Ricoh geht. Ich liebe es, die Kleine immer bei mir zu haben, ohne, dass sie mich irgendwie behindert. Eine Kamera, wie die GRII kann man buchstäblich immer dabei haben. Darüber hinaus bietet die Kamera alles, was das Streeterherz begehrt, plus den Kreativ-Effekt “Hochkontrast S/W”, der mir beim Komponieren der Bilder für meine Serie sehr hilft. Zwar ist es für mich, manchmal etwas schwierig, gut zu erkennen, was auf dem Display zu sehen ist, zumindest, wenn ich meine Lesebrille nicht auf der Nase habe, jedoch gibt mir dieser Effekt schon im Vorfeld eine gute Ahnung, wie das Bild nach entsprechender Bearbeitung aussehen wird. Dementsprechend habe ich diesen Effekt vielfach vorgewählt, wenn es auf die Straße geht.

Ein weiterer Schritt über die Standardregeln der Fotografie heraus, ist meine Suche nach harten Schatten, die ich für mein Projekt benötige. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich das Brechen bekannter und gültiger Regeln als Stilmittel betrachte, welches nur bewusst angewandt seinen gewünschten Effekt erzielen kann. Damit will ich sagen, dass das Erlernen des fotografischen Regelwerks unabdingbar ist, denn nur Regeln, die ich kenne/beherrsche, kann ich auch bewusst brechen. Der harte Schatten wird von vielen Fotografen vermieden, weil er eine ausgewogene Beleuchtung des Motivs schwierig bis unmöglich macht. Gerade in der Streetfotografie finde ich harte Schatten sehr, sehr reizvoll. Ein Meister hierin ist beispielsweise Alan Schaller aus England, der großartige Bilder mit negativem, schwarzem Raum macht. Auch Hendrik Lohmann aus Düsseldorf hat diesbezüglich einige großartige Bilder in seinem Portfolio. Ich freue mich jedenfalls immer sehr, wenn die Sonne vom Himmel knallt, und obwohl ich definitiv ein Sommermensch bin, freue ich mich auf den bevorstehenden Herbst, wenn die Schatten mehr und länger werden.

Was sagt mein Projekt über mich aus? Im letzten Eintrag habe ich bereits geschrieben, dass mir mein Portraitprojekt hilft, Schwellen zu überschreiten, Ängste zu überwinden und Selbstbewusstsein zu stärken. Das neue Projekt hat ebenfalls mit mir zu tun, allerdings wurde mir das erst deutlich, als ich bewusst darüber nachzudenken begann. Natürlich liegt dem Ganzen meine Antipathie gegenüber Reglementierungen und der Wunsch danach, aus Käfigen auszubrechen zu Grunde, aber es geht tiefer, ist persönlicher. In hartem Kontrast, in harschem Schwarz/Weiß, steckt mehr von mir, als zunächst gedacht. Wenn ich nach extremen Lichtsituationen suche und in der Nachbearbeitung mein Schwarz manchmal regelrecht absaufen lasse, dann ist das der eine Teil von mir, den ich ‘rauslasse, der dunkle, manchmal betrübte, oft ängstliche und sehr nachdenklich Teil. Wenn es hell wird, manchmal gar ein wenig ausgefressen, dann ist es das Gegenteil, dann kommt der oft enorm fröhliche Teil, der von überschwänglichen Emotionen geprägt ist. Ich werde den Teufel tun und meine Psyche hier offenbaren, aber ich denke, dass beide Seiten in jedem von uns stecken, bei manchen weniger stark ausgeprägt, bei manchen kontrollierter, bei mir meist durchaus ausufernd … und wer weiß schon, warum ich dazu neige, eher mein Schwarz absaufen zu lassen, als das Weiß echt auszubrennen.

Ich scheiß’ also momentan oft und gerne auf das Histogramm und habe damit etwas gefunden, das mir Momente der Erkenntnis beschert. Wenn dem Betrachter diese Bilder gefallen, dann freut mich das umso mehr. Ich habe oft das Gefühl, mich kaum konsequent einer bestimmten Serie widmen zu können, Hauptargument ist für mich, dass ich dann Angst habe, die anderen interessanten Dinge zu übersehen, wenn ich mich auf eine bestimmte (Licht-)Situation fokussiere. Im Moment laufen bei mir gleich zwei Serien … unerwartet und doch angenehm. Ich hoffe, meine Entwicklung schreitet dabei voran, und ja, ich freue mich auf die Messe, und irgendwann auf meine erste eigene Ausstellung. Wie war das noch? In jedem kreativen Menschen steckt auch ein kleiner Exhibitionist, und wer will seine Arbeit nicht präsentieren?

Der Straßengeier

4 Antworten zu “High Contrast – ich scheiß’ aufs Histogramm”

  1. Ich lese deine “Geier-Gedanken” immer sehr gerne … Du sagst, dass du Angst hast, andere interessante Dinge zu übersehen, wenn du dich auf eine bestimmte (Licht-)Situation fokussierst. Ich glaube, nicht nur du hast noch jede Platz und Luft für so viel mehr Ideen, Sammlungen oder Situationen. Mit jeder Idee und jedem weiteren Foto für diese Sammlung wirst du besser und du siehst immer ein Stückchen mehr. BTW, dies war auch in Aspekt beim Siegfried Hansen Workshop und meinem weekly#74 von heute 😉 …

    1. Hi Thomas,

      ich freue mich, wenn Dir mein Blog gefällt. Genauso freue ich mich über Deine Anregungen, und darüber, dass Dir die Kommentarfunktion immer ‘mal wieder die Möglichkeit gibt, auch auf Deinen Blog hinzuweisen. An jeden, der mitliest: der Blog von Thomas lohnt sich tatsächlich.

      Herzliche Grüße vom Geier

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