Von der Diversität, vom Sinn fotografischer Regeln und von der Freude, selbige zu missachten

… no smoking …

Ich bin der geborene Regelbrecher. Das Verlegen von ungeliebten Grenzen liegt mir im Blut und ist wohl auch ein Stück weit anerzogen. Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben wie oder wo oder wann ich etwas zu tun habe. Die ständigen Versuche meinerseits, mir vorgegebene Grenzen zu übertreten sorgen bei meinem Arbeitgeber hier und da für allergische Reaktionen, was mich natürlich nicht daran hindert, es weiter zu versuchen. Ich bin allerdings durchaus intelligent genug, zu erkennen, dass gewisse Regeln funktionieren und sogar notwendig sind, insbesondere dann, wenn man mit mehreren Menschen ein Ziel erreichen will. Die Diversität der Teilnehmer an einem Projekt wächst mit ihrer Zahl und kann die Effektivität der Gruppe sowohl einschränken, als auch enorm erhöhen. Das gilt für Regeln und Gesetze ebenso. Der eine arbeitet lieber innerhalb eng gesteckter Grenzen, der andere braucht enorm viel Freiraum, um möglichst erfolgreich zu sein.

In der Fotografie gibt es sie auch, diese Regeln und sogar Gesetze und oft auch die “das-macht-man-so’s”, letztere finde ich am allerschlimmsten. Nun ist der Durchschnittsdeutsche ein großer Anhänger von Regeln, von Gesetzen und von “das-macht-man-so’s”. Der Querdenker, der stets auf der Suche nach kreativen Lösungen rechts und links aus der Reihe tanzt, wird sehr schnell mit einem negativen Stempel versehen. Hierbei gibt es selten den Mittelweg, denn der Deutsche neigt zu Schwarz und Weiß. Als Beispiel führe ich hier immer gerne die Eigenschaft ADHS an. Ich nenne es eine Eigenschaft, denn es ist alles andere als eine Krankheit, es ist eine kreative Abweichung, die nun einmal nicht ins Schema passt und somit als unpassend erfahren wird, und deren Symptome man bekämpfen muss. Hier scheiden sich oft die Geister, entweder wird ADHS als Krankheit gesehen, die medikamentös behandelt werden sollte, oder aber man ist der Meinung, dass ADHS gar nicht existiert und nur als Entschuldigung herangezogen wird, wenn Menschen, insbesondere Kinder, nicht innerhalb der vorgegebenen Grenzen funktionieren. Die Mitte scheint kaum zu existieren, und die Kreativität, die für Menschen mit ADHS so typisch ist, wird gar nicht erst zur Kenntnis genommen, dabei bietet sie enorme Chancen, Neues zu entdecken, Lösungsansätze zu entwickeln und dem Leben Farbe zu verleihen.

Doch zurück zur Fotografie. Du hast ein Foto gemacht, das Dich stolz macht, und Du lädst es hoch, um Likes zu ernten und vielleicht konstruktive Kritik zu bekommen. Ersteres macht komischerweise glücklich und vom zweiten kann man lernen. Wehe Dir jedoch, die Komposition entspricht nicht den Regeln, wehe, die Belichtung ist nicht innerhalb der allgemeingültigen Grenzen ausgeführt. In so einem Fall kann es Dir ganz schnell passieren, dass Dein Bild von den Fachleuten total verissen wird, obwohl Deine ganze Familie und alle Deine Freunde doch gesagt haben, dass ihnen das Foto total gut gefällt. Zutiefst enttäuscht beschneidest Du Dein Bild, den goldene Schnitt und die Drittelregel im Fokus, und Du schaust Dir das Histogramm ganz genau an, so dass nirgends unter- oder überbelichtete Bereiche zu sehen sind. Du speicherst Dein Bild erneut ab und bist total enttäuscht, denn es funktioniert nicht mehr. Was für ein Desaster.

Ich gebe zu, dass es viel öfter passieren wird, dass Deine Bilder besser sind, wenn Du die Regeln der (Kunst) Fotografie beachtest, aber das Spielen mit Grenzübertretungen macht ungeheuren Spaß, ist wahnsinnig kreativ und schöpft Neues.

Allerdings habe ich einen Punkt noch völlig außen vor gelassen, obwohl er meiner Meinung nach elementar ist, wenn ich Regeln brechen und Grenzen überschreiten will. Man muss kennen, was man brechen oder übertreten will. ich kann einen mit Wasser gefüllten Graben nicht ohne nasse Füße überspringen, wenn ich ihn nicht erkenne, wenn ich ihn nicht sehe. Das ist wie in der Musik, ich kann erst erfolgreich Musik machen, wenn ich mein Instrument beherrsche. Das ist genau wie mit der Kamera, wenn ich keine Ahnung habe, wie sie funktioniert, wie Verschlusszeit, Blende und ISO zusammenhängen, werde ich dauerhaft im Automatikmodus hängen bleiben und mir selbst die Chance nehmen, die Möglichkeiten meiner Kamera auszuschöpfen. Ich kann noch so kreativ sein, wenn meine Kreativität unbewusst, ungeleitet explodiert, dann werden die Ergebnisse langfristig bescheiden bleiben, zumindest werde ich nicht das Maximum aus meinen Fähigkeiten holen können.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass Regeln wichtig sind, aber dass es schade ist, dass so mancher sie so ernst nimmt. Auf der anderen Seite gilt für mich persönlich, dass ich mich selbst in meinem Drang, Regeln zu brechen ab und zu bremsen muss, nämlich dann, wenn das Brechen ‘mal wieder des Brechens wegen geschieht. Ich habe weiter oben schon einmal das Wort Mittelweg benutzt, und das scheint mir tatsächlich ein guter Ansatz. Man spricht nicht umsonst vom goldenen Mittelweg, und in der buddhistischen Philosophie geht es schon seit tausenden von Jahren um den Weg der Mitte. Das gilt für die Fotografie im Allgemeinen, für die Streetfotografie ebenso und ganz bestimmt fürs Leben. Der Mittelweg ist die neue 42 😉 …

Ich behalte es mir jedoch gerne vor, selbst zu bestimmen, wo die Mitte ist, ich lasse mir halt nicht so gerne sagen wie oder wo oder wann …

Der Straßengeier

Gegen den Strom …

4 thoughts on “Gegen den Strom …

  • Juni 17, 2017 um 6:02 pm
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    Schön geschrieben und volle Zustimmung! Passt ja zu meiner Serie 😉 !

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    • Juni 28, 2017 um 8:08 am
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      Danke Dir Daniel,

      wir sehen uns beim Walken (hätte ich auch nie gedacht, dass ich das jemals zu jemandem sagen würde ;-))

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  • Juni 27, 2017 um 12:31 pm
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    Hey Strassengeier.
    Mit dem Brechen der Regeln, dem Schwimmen gegen den Strom. Ist eine interessante Sache. Viele von uns sind wohl besessen von dem Gedanken, richtige Straßenfotografie zu betreiben. Nichts kann schlimmer sein, als ertappt zu werden, daß es keine richtige Straßenfotografie sei, die man betreibt. Manchen macht es Spaß, als andere dabei zu ertappen usw.
    Für mich war es befreiend, zu erkennen, daß ich kreativ bin, daß ich mich nicht in erster Linie als Fotograf entwicklen will, sondern meine kreative Seite entwickeln will.
    Würden wir alle den gleichen Regeln folgen, wie schnell würden wir lauter “copycats” werden.
    Herzliche Grüße, Ernst Wilhelm

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    • Juni 28, 2017 um 8:12 am
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      Hallo Ernst Wilhelm,

      wer seine Träume begrenzt, indem er schon im Vorfeld an Machbarkeit und Regeln denkt, der wird seine Trüme nie erfüllen können. Kreativität und Weiterentwicklung können durch das Brechen von Regeln tatsächlich enorm beflügelt werden.

      Grüße vom Straßengeier 😉

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