Fotografische Entwicklung

Von Vorfreude, von Selbsterkenntnissen, und von Idolen und Inspirationen  …

Rotterdam Centraal …

Ich muss heute einfach einmal meinen Gedanken freien Lauf lassen, um sie zu ordnen, denn um mein fotografisches Ich herum, vielmehr mit demselben geschehen im Moment viele, ganz unglaubliche Dinge. Nachdem ich im Januar dem Redaktionsteam von Soul of Street quasi als freier Mitarbeiter beitreten durfte, hatte ich bereits angenommen, mein fotografisches Jahr könnte kaum besser werden, schließlich treffe ich auf einmal Fotografen, die mir Vorbilder sind, interviewe meine Idole und schreibe Artikel für ein zwar noch kleines, aber einzigartiges und wichtiges Magazin … aber es kann noch besser! Davon, und von der Bedeutung dieser Entwicklung für mich als Mensch, will ich hier gerne berichten.

Mitzieher im Rotterdamer Regen …

Bisher hat meine Entwicklung als Streetfotograf eher auf unbewusster Ebene stattgefunden. Natürlich weiß ich, welche Art von Fotos ich mag, und ich bin mir der Einflüsse verschiedener Fotografen auf meine Arbeit bewusst. Jeder von uns hat seine Idole, und man kann sich kaum davon freimachen, dass diese Idole einen inspirierenden Einfluss auf unsere Bilder haben. Es geht nicht ums Kopieren bestimmter Vorbilder, sondern vielmehr darum, die Inspirationen zu seiner eigenen Mixtur zu verweben. Vor einiger Zeit hat einmal jemand zu mir gesagt, seinerzeit ging es allerdings um Musik, dass im Grunde alles schon da war, und dass es darum geht, vorhandene Elemente zu neuen Geschichten verschmelzen zu lassen. “Wenn Du klaust, dann klau von den Besten und mache Dein eigenes Ding daraus.”

Tunnel geht immer …

Das gilt so auch für die Fotografie. Natürlich ist der Augenblick, den wir festlegen, einzigartig, weil er so noch nie existent war und auch nicht wiederkommt. Das Drumherum, die Technik, das Zusammenspiel von Blende, Belichtungszeit und Iso, aber auch die (in meinem Fall knappe) Nachbearbeitung lassen eine Neuerfindung des Rades kaum zu. Ich finde es sehr interessant, darüber nachzudenken, wer mich beeinflusst, und was an der Arbeit des entsprechenden Fotografen so inspirierend ist. Das Wort ‘klauen’ würde ich dann auch eher durch das Wort ‘zitieren’ oder auch ‘interpretieren’ ersetzen, in der Literatur spricht man dann von Intertextualität, eine Hommage an bestimmte Autoren und deren Werke, mit der Zielsetzung, eine größere Verbindung zu schaffen.

… wer inspiriert mich denn da?

Mir war schon lange klar, dass mich die Serie “Einsamer Mensch” von Sebastian Schmidt gerade in meinen Anfängen als Streetfotograf sehr beeinflusst hat. Später hatte ich Kontakt mit Achim Katzberg, dessen graphische Arbeit, oft ebenfalls mit Einzelpersonen im Bild, sehr begeistert. In der letzten Zeit begegne ich auf Instagram fast täglich den Fotos von Alan Schaller aus London, der oft mit starken Kontrasten in schwarz/weiß arbeitet, was mich ebenfalls sehr beeindruckt. So ist es wohl kaum ein Wunder, dass mich diese drei Fotografen zu meiner Serie “High Contrast – ich scheiß auf’s Histogramm”, die ich im letzten Beitrag vorgestellt habe, inspiriert haben, zunächst eher unbewusst, aber aufgrund meiner intensiveren Beschäftigung mit meiner Motivtion, bestimmte Dinge fotografisch umzusetzen, inzwischen recht deutlich. All die Elemente, die ich an diesen drei Fotografen so schätze, versuche ich zu einem eigenen Mix zu verarbeiten, doch warum eigentlich?

Spiegelungen sind immer cool …

Diese Frage zu beantworten, ist eine Reise in mein Inneres, ein Bewusstwerden von Emotionen, unterbewussten Gedankengängen und ein augenöffnendes Zulassen ebenjener Emotionen und Gedanken.

Bisher hatte ich, wie gesagt, recht unbewusst, oder unüberlegt an meiner Serie “High Contrast” gearbeitet, das Warum war zweitrangig, die Serie hatte sich entwickelt und war automatisch gewachsen und in den Vordergrund meiner Arbeit gelangt. So war es zumindest bis vor einigen Tagen, als ich mit der Frage nach der Geschichte hinter der Serie, nach dem Gemeinsamen, dass die Bilder miteinander verbindet konfrontiert wurde. Neben meiner Anwesenheit als Redaktionsmitglied von Soul of Street am Messestand von Ricoh auf der diesjährigen Photokina in Köln, habe ich die Ehre, mich und meine Arbeit am Freitag den 28.09.2018 in einem Meet and Greet vorzustellen. Das ist für mich überraschend, denn ich zweifle immer sehr an dem, was ich tue und schaffe. Gleichzeitig fühle ich mich sehr geehrt und bestätigt in meiner viel belächelten Angewohnheit, immer eine Kamera dabei zu haben und ständig irgendwie mit dem Thema Streetfotografie beschäftigt zu sein. Der geneigte Leser kann sich meine Vorfreude auf diese wunderbare Gelegenheit sicherlich vorstellen.

… mit der Ricoh im Regen von Rotterdam …

Im Rahmen dieses Meet and Greets wurde ich aufgenommen in den Pool der PxP-Fotografen, in dem sich Pentax- und Ricoh-Fotografen tummeln, die mich stolz und ein bisschen still machen, dazu gehören zu dürfen. Auf der Website von Ricoh werde ich in einem Interview (https://pxp.ricoh-imaging.de/project/jens-von-ewald/)  vorgestellt, welches mich sehr dankbar macht, denn ich komme in diesem Interview sehr gut weg, und ich bin durch dieses Interview, das Jan Klose-Brüdern mit mir geführt hat, sehr nachdenklich geworden. Herr Klose-Brüdern hat mich mit gut gestellten Fragen dazu gebracht, auch für mich selbst zuzulassen, dass ich mich intensiver meiner Motivation zu den Serien “High Contrast” und “Gefragtes Portrait” öffne. Das war und ist durchaus spannend, denn das Resultat ist für mich inhaltlich nicht unbedingt neu, zeigt mir aber deutlich, welchen Mehrwert die Fotografie mit all ihren kreativen Möglichkeiten, mich auszudrücken, für mich hat.

… ziemlich allein …

In den genannten Serien geht es nicht nur um möglichst schöne Bilder, oft ist es das Machen der Bilder, das mir noch wichtiger ist, sondern insbesondere diese beiden Serien haben eine Art therapeutische Wirkung und spiegeln etwas wider, das mir offensichtlich fehlt. Meine Portraits sind offensichtlich meine Art, meine mir angeborenen Schüchternheit, die Angst vor dem Ansprechen fremder Menschen oder von Dingen, die mir nicht gefallen, zu bekämpfen und somit eigentlich das Gegenteil von dem, was meiner Natur entspricht. Im entsprechenden Beitrag habe ich bereits beschrieben, dass mir das Ansprechen der Menschen oft sehr schwerfällt, und welche Bedeutung diese Bilder für mich haben.

Noch extremer ist es bei der Serie “High Contrast – ich scheiß auf’s Histogramm”. Wo ich zunächst noch dachte, es ginge mir darum, gegen Regeln und Einschränkungen vorzugehen, etwas was mir sicher im rebellischen Blut liegt und ein Stück weit anerzogen ist, wird inzwischen mit jedem Tag deutlicher, dass meine Motivation für diese Serie viel tiefer liegt. Das dicke, teils abgesoffene Schwarz, die oft recht klein im Bild positionierte Person, und das grafisch strukturierte Element in dieser Serie sprechen Bände, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich ein ganz und gar chaotischer Geselle bin, den im Alltag eine gewisse Strukturlosigkeit auszeichnet, und der doch immer gesellig ‘rüberkommt … den Rest behalte ich für mich, bzw. überlasse ich dem interessierten Leser und Betrachter meiner Bilder. Das Interview zu lesen, ist auch eine gute Idee, wenn man mehr über den Geier wissen möchte.

Gefragtes Portrait in Rotterdam …

Ich war gestern in Rotterdam, um an einem Workshop von Fokko Muller teilzunehmen, den ich für mein erstes Soul of Street Interview an ebendieser Stelle getroffen hatte. Obwohl die Aufgaben, die die Teilnehmer zu erfüllen hatten, teilweise etwas ganz anderes forderten, war ich doch auf meine Serien fokussiert und habe einige grafische Bilder mit hohem Kontrast gemacht. ‘Gefragte Portraits’ war sogar eine der gestellten Aufgaben. Ich habe den Tag im Regen von Rotterdam mit der Ricoh genossen. Rotterdam ist für uns Streetfotografen sicher eine Reise wert, genauso, wie die Frage nach dem Hintergrund unserer Arbeit …

Der Straßengeier

6 Antworten zu “Fotografische Entwicklung”

  1. Lieber Jens, hier hast Du einen ganz tollen Artikel über Dich und Dein Wirken eingestellt. Freue mich schon auf ein Wiedersehen mit Dir und dem Soul of Street Team auf der Photokina! LG, Dieter

  2. Hallo Jens! Mit Freude lese ich hier diesen tollen Artikel. Und an vielen Stellen kommt mir einiges bekannt vor. Das auseinandersetzen mit dem Motiv und mit einem selbst. Das ständige zweifeln. Das auf und ab. Ist mal ein guter Künstler? Oder möchte man nur einer sein? Das sind Dinge die mich auch sehr intensiv beschäftigen. Ich bin ebenso ein offenes Buch. Ich mag es mich auf links zu krempeln und mich mitzuteilen. Kreativ fotografieren heißt auch immer Auseinandersetzung mit dem Thema und Weiterentwicklung. Ich mag deine Fotografie und deine ganze Art damit umzugehen. Und ich mag sehr wie gut du es vermagst das nieder zu schreiben. Ich freue mich auf ein Wiedersehen. Gruß Ralf

    1. Hallo Ralf,

      so viel Lob, da werde ich ganz rot … Danke! Dass Du ein offener Mensch bist, das habe ich ja während unseres Trips nach Rotterdam erleben dürfen. Was mir noch fehlt, das ist ein Besuch in einer Deiner Ausstellungen, irgendwie habe ich das bisher noch nicht hinbekommen. Irgendwann klappt das auch noch.
      Ich freue mich ebenfalls auf unser nächstes Treffen.

      Liebe Grüße

      Jens

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