Von Schubladen, von verhärteten Fronten, von Dualismus und Egoismus …

Kein Mensch im Bild … Street?

Immer und immer wieder kommen in Foren, in Gruppen, selbst unter Gleichgesinnten irgendwann Diskussionen auf, was nun in welche Schublade passt, warum das so ist, bzw. warum gerade dieses eine Beispiel nicht in die entsprechende Schublade gehört. Im Folgenden will ich anhand der ständig erneut geführten Diskussion, was nun eigentlich Streetfotografie ist und wo sie aufhört, versuchen aufzuzeigen, wie sinnlos, oftmals sogar schädlich, dieser Hang zum (Aus-)Sortieren meiner Meinung nach ist.

Waldwegfotografie?

Wenn man sich mit Streetfotografie beschäftigt, kommt irgendwann automatisch der Punkt, wo jemand eine andere Definition des Genres hat. Als ich anfing, auf der Straße zu fotografieren, stieß ich regelmäßig auf das Dogma des 35mm Objektivs. Bilder mit größerer Brennweite waren ganz einfach nicht gut genug und im Grunde sowieso keine Streetfotografie, denn Street bedeutet, nah dran zu, sozusagen im Bild zu sein, denn erst dann war man Teil der Straße, erst dann konnte man Emotionen richtig einfangen, und darum geht es doch. Die maximale, gerade noch akzeptierte Brennweite war dann auch ein 50mm Objektiv, denn das entspricht ja bekanntlich dem Blickwinkel des menschlichen Auges. Es liegt in meiner Natur, nicht alles für bare Münze zu nehmen. Ich schaute mich also um und sprach mit verschiedenen Streetfotografen und siehe da, es gab durchaus viele, die mit größeren Brennweiten, manche sogar mit Teleobjektiven, auf der Straße unterwegs waren. Was für ein Frevel! Überhaupt bedeutet nach Meinung einiger Experten der Gebrauch großer Brennweiten in der Streetfoografie nichts anderes als Feigheit. Wer eine lange Brennweite benutzt, der ist doch nur zu feige, nahe genug ‚ranzugehen, und erst dann ist man Streetfotograf … siehe oben.

Farbe … mache ich nicht oft, aber das bedeutet doch nicht, dass ich es nie mache …

Dies ist ein kleines Beispiel für ein regelmäßig auftretendes Phänomen. Weitere Streitpunkte drehen ich um die Fragen, ob unbedingt ein Mensch im Bild sein muss, oder wieviel Anteil die Abgebildete Person von der Oberfläche des Fotos einnehmen muss, damit es sich nicht um Architekturfotografie handelt. Ebenfalls von großem Interesse ist das Thema „Schwarz-Weiß oder Farbe“, welches mich selbst sehr beschäftigt, da ich kaum in Farbe arbeite, zumindest bisher. Die Reihe an Beispielen lässt sich endlos weiterführen und betrifft ganz sicher nicht nur die Streetfotografie, oder die Fotografie, oder die Kunst, oder was auch immer. Immer wieder erleben wir in unserer Gesellschaft das Prinzip des Dualismus. Ich und Du, wie und ihr, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Schüler und Lehrer, dunkel und hell … und halt auch Street oder Nicht-Street. Ein jeder weiß dann, dass er Recht hat, was dann zu den bereits genannten Diskussionen führt, die leider viel zu oft aufgrund rücksichtsloser Ansichten und/oder Formulierungen ins Negative umschlagen.

Tunnel … so mancher Experte meint ja, das geht gar nicht …

Unreflektiert gelebter Dualismus führt in der Wahrnehmung zu Egoismus, einem unumstritten negativ behafteten Charakterzug. Wenn ich die Welt nur dualistisch erfahre, dann steht mein Ego sehr im Mittelpunkt. Wir alle wissen, dass jeder von uns den aussichtslosen Kampf gegen die bösen Politiker, die sklaventreiberischen Arbeitgeber und die gierigen Mitarbeiter des Finanzamtes führt. Wie oft ertappt man sich selbst dabei, dass man der einzige ist, der ungerecht behandelt wird. Diese Übersteigerung des Ich‘s hat im Laufe der letzten Jahrhunderte so stark zugenommen, dass wir es zugelassen haben, dass sich regelrechte Feindschaften gebildet haben, die letztlich jeder vernünftigen Grundlage entbehren.

Eine Bank hat vor Jahren eine Werbung im TV geschaltet, die ich im Nachhinein ziemlich genial finde. Zwei alte Schulfreunde, die sich nach Jahren in einer Kneipe begegnen und sich gegenseitig Fotos von ihren ach so wichtigen Erfolgen um die Ohren hauen „Mein Haus, mein Auto, mein Boot …“. Der Fokus unserer Zeit liegt auf dem persönlichen Erfolg, nicht auf dem gemeinsam Erreichten. Interessanterweise ist es jedoch andererseits so, dass die Angst um den eigenen materiellen Erfolg durchaus dazu führt, dass man sich zusammenrottet um seinen Besitz zu schützen. Meiner Auffassung nach ein Grund für den wiederkehrenden Nationalismus … eine Art Gruppenegoismus.

Architektur oder Street … ist das wirklich wichtig?

Auf der Photokina habe ich letztes Jahr diesbezüglich ganz wunderbare Erfahrungen gemacht. Im Pool der PxP-Fotografen sind alle Genres vertreten, und der Austausch untereinander war fröhlich, respektvoll und fruchtbar. Ich frage mich immer öfter, was wohl wäre, wenn wir das Dualistische überwinden könnten, wenn wir uns alle als Fotografen sehen. Was wäre, wenn derjenige, der bereits weiter ist in seiner fotografischen Entwicklung sich in konstruktiver Kritik übte, statt von oben herab die Arbeiten von weniger Erfahrenen Fotografen zu zerlegen. Lasst doch die Genres einmal außen vor und sucht nach Gemeinsamkeiten und betont nicht ständig die Unterschiede. Wir sind alle in erster Linie Fotografen, mich interessiert dabei nicht, ob ich mich nun noch innerhalb bestimmter Grenzen eines bestimmtes Genres befinde, oder ob ich bereits im benachbarten Genre heimisch bin. Letztlich ist das doch völlig egal!

Rotterdam

Diese (ach so neue) Erkenntnis kann man dann problemlos auf alle Bereiche unseres Zusammenlebens erweitern. Schwierig ist und bleibt das jedoch, wenn wir immer innerhalb dualistischer Grenzen denken und handeln.

Der Straßengeier

Fotografie und das echte Leben

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