Von selbst auferlegten Grenzen, von der Verlegung derselben, von zufälligem Entstehen und vom Spaß an der Freude …

Rot

Im Mai war ich in Berlin und bin dort ein bisschen abgewichen von meiner gewohnten Art der Fotografie (schwarz-weiß, mit viel Kontrast und schön dunkel), indem ich teilweise in Farbe fotografiert habe, wobei mein Hauptaugenmerk auf Farbreimen lag, die mich irgendwie faszinierten. Danach blieben diese Bilder jedoch die Ausnahme … bis zum letzten Wochenende. Wie jedes Jahr war ich mit unseren Abschlussklassen in London, und wie jedes Jahr war auch etwas Zeit zum Fotografieren übrig … und dann fotografierte ich plötzlich wieder in Farbe … einfach so …

Sehr rot, nicht sehr subtil …

Mit Schülern nach London zu fahren bedeutet immer viel Spaß, viel Müdigkeit und mein persönliches Bedürfnis, die Zeit, in der die Schüler die Stadt auf eigene Faust erkunden, doch in der Nähe der touristischen Attraktionen zu verbringen, da ich im Notfalle, welcher glücklicherweise noch nie eingetreten ist, gerne so schnell wie möglich vor Ort sein will. Das bedeutet dann auch, dass Stadteile, die etwas weiter außerhalb liegen, für mich in der Zeit nicht in Frage kommen, was wiederum zur Folge hat, dass ich eben nicht so gut einzelne, einsame Menschen in graphischer Umgebung fotografieren kann, sondern viel mehr komplett umdenken muss, denn zwischen Covent Garden und Picadilly Circus ist das Fotografieren von einzelnen Personen fast nicht möglich. Picadilly Circus sollte sowieso eine besondere Herausforderung werden, da ich mit Achim Katzberg und Rene Wysk eine kleine Challenge zu bewältigen hatte, die ein bisschen dem entspricht, was Daniel, Reiner und ich bei NRW 35 machen. Drei Fotografen machen drei Bilder an einem bestimmten Platz, nur in diesem Fall ohne zeitliche Einschränkung und nicht gleichzeitig. Die Wahl fiel also auf Picadilly Circus, und der Versuch, an einem der meistfotografierten Plätze der Welt gute bzw originelle Bilder zu machen, hatte durchaus das Potential, mich zur Verzweiflung zu bringen. Umso mehr bin auf Achims und Renes Bilder gespannt, wenn wir am 10 Juni in einer Videokonferenz einander unsere Werke präsentieren …

Rot … und ein bisschen Schwarz
Blau und orange

Irgendwie kam mir dann wieder in den Sinn, dass ich in Berlin einige Bilder mit Farbreimen gemacht hatte, die mir an und für sich recht gut gefielen. Allerdings hatte ich mich danach selbst eingegrenzt, indem ich kaum Farbfotos publizierte, da das ja so gar nicht meiner typischen Arbeit entsprach. Sieht auch so komisch aus, wenn auf Instagram zwischen all dem Schwarz-Weiß bunte Flecken zu sehen sind … dachte ich, und so hatte ich mich selbst wieder ‘mal selbst in meiner Kreativität eingeschränkt. Als mir dieser Gedanke bewusst wurde, habe ich mich leiten lassen von dem, worauf ich gerade Bock hatte. Ich hatte sehr gute Laune, das Wetter war super, und ja, ich wollte auf einmal Farbreime fotografieren und mit selbigen spielen. Von platt und überoffensichtlich bis hin zu subtileren Spielarten, und ich hatte jede Menge Spaß! Wie oft sind wir in unserer Gesellschaft gezwungen, immer zielgerichtet innerhalb bestimmter Grenzen zu arbeiten, und warum tun wir uns das so oft auch auf dem Gebiet an, welches doch in erster Linie unser Hobby ist? Genau wie im “echten Leben” nehmen wir uns einiges an kreativen Möglichkeiten, wenn wir zu sehr versuchen, uns auf das zu konzentrieren, was man, oder vielleicht auch jeder selbst, von uns erwartet.

Gelb …

Also Farbe, und da ich sowieso etwas frustriert war von Picadilly Circus, habe ich mich für quadratisch entschieden (ein großartiges Wortspiel). Normalerweise schränke ich mich auch da immer sehr ein, denn wenn ich mit der Ricoh fotogrfiere, kommen fast ausschließlich Bilder in Format 2:3 heraus, meine Bilder, die ich mit der Olympus mache, sich eigentlich immer 4:3. Was soll ich sagen? Plötzlich war Picadilly Circus interessant, rote Busse, rote Werbung, roter Mantel … und zack, Farbreim, allerdings nicht sehr subtil. Dann jemand an der Ampel, die Sneaker im selben Farbton, wie das grüne Männchen auf dem Display … und zack, Farbreim, dieses Mal etwas subtiler. Auch wenn ich nach wie vor meine schwarz-weißen Bilder brauche, um mein Inneres nach außen zu kehren, da gibt es noch viel zu erzählen; ich geriet in einen euphorischen Flow, denn ich fühlte mich frei. Frei von den selbstauferlegten Grenzen, und das war großartig. Das Spiel mit der Farbe, bereits das ein oder andere Mal ausprobiert, in Berlin erstmals intensiver betrieben, wurde in London zu einem Fest. Wer weiß, vielleicht der Beginn einer neuen Serie? Auf jeden Fall also etwas, was offensichtlich auch irgendwo in mir ruht und darauf wartet, an die Oberfläche zu dürfen. Natürlich habe ich auch meiner gewohnten Art und Weise zu fotografieren gefrönt, aber die Bilder zeige ich ein anderes Mal. In diesem Post geht es um den puren Spaß und die Erkenntnis, dass es einfach geil ist, Grenzen, vor allem selbst auferlegte, zu verlegen. Über die Bedeutung dieser neuen Serie mache ich mir später Gedanken, erst mal lass ich sie geschehen.

Grün …
Grün … etwas subtiler

Zunächst wollte ich dann auch diese Farbreime für die Challenge gebrauchen, aber glücklicherweise fand sich auch noch etwas anderes an diesem totfotografierten Platz, mit dem ich hoffe, Achim und Rene überzeugen zu können. Der Genuss, den mir diese neue Serie bot, den nehme ich auf jeden Fall mit. Die ganze Geschichte bringt mich zu der Frage, die sich jeder einmal stellen sollte: “Wann hast Du eigentlich das letzte Mal etwas gemacht, nur weil es Freude gemacht hat?” Unsere Umgebung hat uns so erzogen, dass wir immer ein Ziel vor Augen haben müssen, alles muss einem Zweck dienen, unsere Handlungen sollen immer zielgerichtet sein … geht raus Leute und macht Sachen, die eben nicht zur Erreichung eines Vorgabe dienen, sondern die einfach nur Spaß machen … so wie ich, als ich in London Bilder gemacht habe, mit denen ich selbst nicht gerechnet habe … geradezu fröhliche Bilder …

Der Straßengeier

Farbreime

2 thoughts on “Farbreime

  • Juli 2, 2019 um 1:40 pm
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    Ich schreibe und setze immer wieder neu an. Ich habe den Eindruck, ich tue mich schwer mit deinem Punkt. Ihn zu erkennen und nicht zu zerreden.

    Ode an die Freude 🙂

    Freude, schöner Götterfunken,
    Tochter aus Elisium,
    Wir betreten feuertrunken,
    Himmlische, dein Heiligthum.

    Deine Zauber binden wieder,
    Was die Mode streng getheilt,
    Alle Menschen werden Brüder,
    Wo dein sanfter Flügel weilt.

    Antworten
    • Juli 2, 2019 um 2:05 pm
      Permalink

      Danke Dir Ernst Wilhelm, wie gewohnt, bist Du der erste Kommentator 😉

      Nicht immer ist der Punkt so eindeutig, gerade deshalb finde ich es ja so schön, meine Gedanken aufzuschreiben.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

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