Von meiner Stadt, vom Cosmopoliten in mir und vom philosophischen Aspekt der Streetfotografie …

Der Plan war, mindestens einmal im Monat einen Beitrag zu posten … schade, im Januar hat es nicht geklappt, aber es ist viel passiert. 2018 scheint fotografisch unter einem guten Stern zu stehen. Nachdem ich im Dezember letzten Jahres Fokko Muller für Soul of Street interviewt habe, wurde ich von den Jungs gefragt, ob ich nicht ins Redaktionsteam einsteigen wollte. Natürlich wollte ich, schließlich lese ich das Magazin schon lange, und ich finde es großartig, wenn ich meinen Beitrag liefern darf am großen Lanzenbruch für mein Lieblingsgenre. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen. Das wollte ich eben loswerden, doch nun zum eigentlichen Beitrag:

Arnhem Centraal … ich mag es, hier zu fotografieren …

Wer sich mit Fotografie beschäftigt, der findet irgendwann Gleichgesinnte, mit denen er sich austauscht und wahrscheinlich unweigerlich irgendwann Projekte startet. Gegenwärtig schraube ich an einem Projekt herum, in dem ich meine Stadt in zehn Bildern vorstellen soll, komme aber nicht wirklich voran. Ich wohne in einer kleinen Stadt am Rhein, in der niederrheinischen Tiefebene, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze gelegen. Es gibt hier schöne und weniger schöne Flecken, wie wohl in jeder Stadt, und ich bin davon überzeugt, dass es eigentlich kein Problem sein dürfte, die Stadt in zehn aussagekräftigen Streetfotos adäquat zu dokumentieren.

Im Zug … ich reise gerne mit dem Zug … wenn es nicht zu voll ist, und am Liebsten ohne Fußballfans und Karnevalisten 😉 …

Warum komme ich dann nicht aus dem Quark? Wieso fehlt mir jegliche Inspiration? Was hält mich davon ab, Gas zu geben und meine freie Zeit – ich habe im Moment ja Ferien – für das Projekt zu nutzen? Darüber denke ich seit Tagen nach, und ich denke, ich bin endlich dahinter gekommen. Die Antwort ist einfach und zugleich ziemlich verwirrend, zumindest am Anfang. Das Ganze hat nämlich mit meiner Identität zu tun …

Oha, das klingt aber gefährlich, ist es aber nicht, denn es ist befreiend, erweitert meinen Horizont und bringt mich mir selbst näher, während es mich von meinem Ich entfernt, und das ist durchaus erstrebenswert.

Köln … durch Soul of Street mein zweites Wohnzimmer … rund um den Dom halte ich mich immer gerne auf …

Meine Stadt, mein Land, meine Heimat … für mich leere Worthülsen, mit denen ich wenig anfangen kann. Ich weiß, was sie bedeuten, sie haben aber keine Bedeutung für mich.

– Ich habe keine Stadt. Ich wohne hier seit dem Ende der 70er Jahre, als meine Eltern aus beruflichen Gründen hierher zogen. Ich bin hier zum Gymnasium gegangen, habe das schlechteste Abitur meines Jahrganges gemacht, und ich bin hierher zurückgekommen, nachdem ich eine Zeit in Münster gelebt hatte. Hier am Niederrhein habe ich viele gute und schlechte Zeiten durchlebt, Menschen kennengelernt und wieder aus den Augen verloren, und mit Familie, Haus und Garten habe ich hier meinen Rückzugspunkt, wenn es mir draußen wieder einmal zu bunt wird. Das ist ganz und gar großartig, ist aber nicht abhängig vom Ort, sondern könnte überall sein. Es sind die Menschen, die diesen Rückzugspunkt ausmachen. So sieht es aus.

In Lent, NL, arbeite ich …

– Ich habe auch kein Land. Ich habe das Glück, in einem Land geboren zu sein, in dem es mir gut geht, ich keinen Hunger leiden muss, und in dem ich Zugang zu Bildung habe, den ich nutzen kann, um mir eine Meinung zu bilden, die ich frei äußern darf. Die Tatsache, hier geboren zu sein, macht dieses Land aber nicht zu meinem Land. Diesem „Mein-Land-Gedanken“ entspringen Patriotismus und Nationalismus, Begrifflichkeiten, die mir kalte Schauer den Rücken herunterlaufen lassen. Ich fühle mich nicht als Deutscher. Ich bin Mensch. Das ist alles.

Karneval … ein Stück “Heimat”…

– Den Begriff Heimat mag ich so gar nicht. Zumindest nicht in der Bedeutung, in der er überwiegend gebraucht wird. Heimatland, Heimatschutz, Heimat…dies und …das – Heimat ist der Fleck, der Platz, der Ort, an dem man verwurzelt ist. Der Gedanke, verwurzelt zu sein widerstrebt mir so sehr, dass mir jedes Mal, wenn ich mit dem Wort Heimat konfrontiert werde, kalte Schauer den Rücken herunterlaufen. Ich bin unendlich froh, keine Pflanze und somit nicht der Notwendigkeit unterworfen zu sein, irgendwo Wurzeln schlagen zu müssen, und mich so örtlich festzulegen. Wenn ich an der Mauer der Stammkneipe des örtlichen Schützenvereins die Worte „Glaube, Sitte, Heimat“ lese, dann wird mir ehrlich gesagt leicht schlecht. Die einzige Heimat, die ich mir gefallen lasse ist die Welt und die Freiheit der Gedanken. So viel dazu.

Am frühen Morgen mit dem Zug nach Amsterdam gefahren … (war saukalt) …

Im Grunde bin ich also Stadt-, Land- und Heimatlos, oder besser gesagt, fühle ich mich an vielen Orten, auch gedanklicher Natur „beheimatet“. Zunächst hat mich dieser Gedanke ziemlich verwirrt. Im weiteren Verlauf meines Diskurses mit mir selbst komme ich jedoch mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass er sehr befreiend ist. Er garantiert Offenheit für alle Kulturen dieser Welt (und darüber hinaus), er gibt mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und er öffnet das Herz für die Menschen um mich herum, egal, ob oder wo sie nun eine Stadt, ein Land oder eine Heimat haben. Die Identifikation über Herkunft, Erfolg und Besitz, die so viele Menschen brauchen, löst sich auf, die Identität wird zugleich schwammig aber auch freier, das Ich, wie es in unserer dem Egoismus verfallenen Gesellschaft verstanden wird, löst sich auf. Das meine ich mit Befreiung.

Freude und Verwunderung geht überall …

Was das alles mit (Street-)Fotografie zu tun hat? Ganz einfach, ein fotografisches Projekt hat mich diese Gedanken, die zugegebenermaßen nicht neu sind, weiter und tiefer denken lassen. Außerdem hilft es sehr, die Menschen zu beobachten, sie in ihrem Gefangensein in Begrifflichkeiten und vorgegebenen Strukturen zu erleben, die greifenden, scheinbar allgemeingültigen Mechanismen zu erkennen. Es hilft bei der Erkenntnis, dass Identitäten ganz andere Inhalte haben können als man gewohnt ist, und es hilft dabei, bessere, vielleicht irgendwann gute Bilder zu machen. Die Streetfotografie als einzige wahre, im Sinne von ungestellte, Fotografie leistet so ihren Beitrag am Streben nach Erkenntnis. Sie hat also durchaus den oft hinterfragten philosophischen Aspekt, der auch im Logo von Soul of Street integriert ist. Photography and philosophy … ja, das geht nicht nur, das gehört sogar zusammen.

Meine Konsequenz aus der ganzen Geschichte? Ich werde das Projekt etwas anders interpretieren. Meine Stadt ist irgendwie jede Stadt. Ich werde im Endergebnis nicht eine Stadt vorstellen, sondern Flecken, die dazu geeignet sind, die jeweilige Stadt zu „meiner“ Stadt zu machen. Ich bin jetzt schon gespannt, wie die anderen Teilnehmer darauf reagieren …

Der Strassengeier

Erkenntisse

9 thoughts on “Erkenntisse

  • Februar 14, 2018 um 11:48 am
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    Na dann bin ich mal gespannt.
    Es ist schon jetzt sehr krativ und voll mit tiefer Philosophie.
    Ich freue mich auf die Bilder zu dem Projekt und ich freue mich auf neue Blogeinträge vom Geier.

    LG

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    • Februar 14, 2018 um 12:14 pm
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      Danke, lieber Reiner

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  • Februar 14, 2018 um 4:04 pm
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    Ich bin noch nicht auf ein solches Thema gekommen und ich glaube, das wäre nicht ganz einfach. Keine Klischees weder für die Stadt noch für die Straßenfotografie. Aber ich denke, “meine” Stadt ist Hamburg. Da würde ich jetzt nicht 10 Bilder zeigen, die nicht aus Hamburg kommen. Vielleicht 10 Bilder, bei denen die Betrachter sagen, dass ist doch nicht Hamburg, oder 10 Bilder, bei denen gesagt wird: was , das ist auch Hamburg? Bilder, die vielleicht Lust machen, ein anderes Hamburg zu sehen. Vielleicht ein Hamburg, das ich noch nicht entdeckt habe,

    10 Bilder? Können schon Serie, ein Essay oder eine kleine Reportage sein. Geht das nicht über Straßenfotografie schon hinaus?

    Grüsse

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    • Februar 14, 2018 um 4:38 pm
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      Hallo Ernst Wilhelm,

      danke für Deinen Kommentar. Wie ich schon schrieb, eine entsprechende Serie wäre sicher machbar. Deine Idee, Motive zu suchen, die der Betrachter nicht direkt mit einer bestimmten Stadt in Verbindung bringt, finde ich ziemlich cool. Aus welcher Perspektive (Street, Architektur etc, vielleicht sogar ein Mix), müsste man dann selbst entscheiden. Für mich selbst, und das wollte ich zum Ausdruck bringen, besteht “meine” Stadt nicht. Ich werde immer mehr zum Cosmopoliten, die Grenze zwischen meiner Muttersprache, dem Deutschen und dem Niederländischen (spreche ich ja auf der Arbeit) verschwimmt für mich genauso, wie die doch erstaunlich unterschiedlichen Kulturen der beiden Länder … und das gefällt mir.

      LG vom Geier

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      • Februar 14, 2018 um 6:38 pm
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        Wir sind ja in unserer Biographie sehr unterschiedlich. Ich bin jetzt über 60 Jahre alt, geh plötzlich relativ schnell auf die Rente zu. Bin mehr bei mir und stelle fest, daß Hamburg “meine” Stadt geworden ist. Nicht, daß ich Hamburg liebe. Nicht, daß es so bleibt. Aber die Stadt und die Menschen, die hier leben, die sind heute meine Stadt.
        Du bist mir an anderer Stelle schon mal als Cosmopolit aufgefallen. Das ist wohl so, so intensiv in zwei Kulturen zu leben. Da bedeutet “meine” Stadt etwas anderes. Vielleicht hast du ja zwei “meine” Städte. Dann kannst du auch 20 Bilder machen 🙂 (Scherz)

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        • Februar 14, 2018 um 7:38 pm
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          Unterschiede machen das Leben spannend, stell’ Dir vor, wir wären alle gleich 😉
          Vielleicht sind es sogar mehr als 2 “meine” Städte …

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  • Dezember 6, 2019 um 7:27 pm
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    Ich las mal vor vielen Jahren erstmalig das, was die Kirmesbetreiber, Schausteller und Leute vom Zirkus als Leitspruch verwenden: “Die Welt ist unser Feld”.
    Und jedesmal, wenn ich ihn wieder irgendwo lese, denke ich: das ist auch mein Leben. Meine Stadt ist schon lange nicht mehr die, in der ich geboren wurde, und keine von denen, in denen ich lange gelebt und gearbeitet habe, sondern ebenfalls “die Welt” … besser gesagt: immer der Ort, an dem ich gerade bin und den ich noch nicht gut genug kenne.

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    • Dezember 6, 2019 um 8:46 pm
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      Hallo Jürgen,

      “Die Welt ist unser Feld” … ich höre (lese) das zum ersten Mal, und es gefällt mir. Vielen Dank für Deinen Kommentar, ich freue mich, dass wir da ähnlich ticken.

      HG Jens

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