Der Vogel

Draußen beginnt langsam der Frühling. Er kommt sehr früh in diesem Jahr. Es ist noch nicht einmal März, die Schneeglöckchen blühen bereits, und die Krokusse brauchen auch nicht mehr lang, bis sie ihre orangen, blauen oder weißen Blüten zeigen. Der Sturm der letzten Tage hat das letzte noch an den Bäumen verbliebene Laub des Vorjahres unwiederbringlich von den Zweigen geweht und einiges an totem Holz aus den Baumkronen geblasen. Die Luft ist schon relativ warm, die Spechte arbeiten hämmernd an ihren Nistplätzen, und wenn man gut hinhört, kann man schon einiges an teils noch zaghaftem Vogelgesang wahrnehmen. Aus einem Laubhaufen vor dem Haus kriecht ein verschlafener Igel, der etwas muffelig drein schauend seine Winterruhe beendet hat. Noch etwas orientierungslos läuft er durch die erwachende Natur, auf der Suche nach etwas, das er fressen kann, denn die Winterruhe hat ein leichtes Hungergefühl in seinem Bauch hinterlassen. Die Zeichen stehen auf Frühling, auf Erwachen, auf Neuanfang.

Ich sitze in meinem kargen Zimmer und schaue hinaus in die toten Kronen der Bäume. Das Sonnenlicht, welches schräge karierte Schatten an die Wand wirft, unterstreicht den Schmutz, der an den Fensterscheiben haftet. Irgendwer im Haus macht Lärm, der mich ziemlich nervt. Das Fenster vor mir ist eingeteilt in zwei Flügel mit jeweils acht gläsernen Rechtecken, ich lasse es lieber zu, da ich dem alten maroden Gebilde nicht zu trauen vermag. Über mir hängt eine nackte Glühbirne, von der ich nicht weiß, ob sie noch in der Lage ist, Licht zu geben. Immerhin sieht sie aus, als hinge sie da in ihrer schmucklosen Glühbirneneinsamkeit bereits ein ganzes Leben lang. Der Putz an den Wänden hat kaum mehr genug Haftung, um der ihm zugewiesenen Aufgabe nachkommen zu können, Löcher in den Wänden weisen Stellen an, an denen wohl einst Bilder gehangen haben. Vor mir, unter dem Fenster, hängt ein uralter gusseiserner Rippenheizkörper, dessen Lack abplatzt und leicht rostige Strukturen preisgibt. Man sagt, diese alten Heizkörper hätten die Eigenschaft, ewig zu funktionieren, aber ich habe leichte Zweifel an diesem Exemplar.

Es geht mir nicht gut. Ich bin nicht in der Lage, das Erwachen draußen mit Freude wahrzunehmen. Ich bin gefangen in meiner Traurigkeit, die kaum einmal erhellt wird. Mit trübem Blick schaue ich in die Welt hinaus, den Schleier meines Kummers stets vor Augen, so dass ich eigentlich gar nicht erkenne, was außerhalb meiner Kammer der Verzweiflung tatsächlich vor sich geht. Meine Kraft gleicht der des Putzes, der von den Wänden fällt, sie ist fast völlig verschwunden. Ich bin aufgebraucht, der Lack ist ab, der Frohsinn ist eingerostet, aber bis vor Kurzem habe ich wenigstens noch funktioniert. Es ist schon eine ziemliche Weile her, aber ich hatte einst viel Wärme in mir, die ich verteilen konnte, nun fühle ich mich kalt und leer. Mein inneres Auge schaut auf einen großen Gebirgssee voller schwarzer Traurigkeit, in dessen Oberfläche die schroffen Felsen reflektiert werden und dessen Spiegel stetig steigt. Ich starre schon seit Stunden aus dem Fenster und frage mich: „wie kann ich jemals wieder für die anderen da sein und Wärme geben an diejenigen, die es doch so nötig haben?“.

Meine Schultern schmerzen heute besonders stark. Das Elend der ganzen Welt lastet auf ihnen, doch es gibt noch viel zu viel zu tun, bevor ich mich ausruhen kann. Da sind die Probleme der Kinder, die gelöst werden müssen. Ich mag nicht zusehen, wie Menschen verhungern, gefoltert werden oder in völlig sinnlosen Kriegen zu Tode kommen. Die politische Entwicklung macht mir solche Sorgen, und ich muss doch meine Stimme hören lassen, ich muss aufklären und helfen, auf dass die Menschen erkennen, auf welch gefährlichem Holzwege sie sind. Wenn ich hier noch lange sitze, versage ich komplett … oder habe ich das schon? Vielleicht ist mein Akku leer und ich bin dazu verdammt, auf ewig mit diesem schlechten Gefühl zu leben, nichts erreicht zu haben? Welchen Zweck hat mein Dasein dann noch?

Plötzlich regt sich etwas am Fenster, es klopft, und ich schaue hoch. Ein kleines graues Vögelchen klopft gegen die Scheibe und schaut mich herausfordernd an. Zunächst schaue ich dem Treiben nur zu, doch mit der Zeit stelle ich verwundert fest, dass der kleine Kerl ganz offensichtlich will, dass ich das Fenster öffne. Klopf, klopf, klopf … lass‘ mich rein …

Ich mache eine harsche Bewegung in Richtung des Fensters und versuche, den Vogel zu verscheuchen, mich nervt das Klopfen und so ein Vogel will wohl kaum mit einem Menschen kommunizieren, schon gar nicht mit so einem Mängelexemplar, wie ich es bin. Der Vogel jedoch bleibt sitzen und schlägt mit seinem Schnabel wieder gegen das Glas, KLOPF, KLOPF, KLOPF … viel nachdrücklicher jetzt … LASS MICH REIN!!!

Ich überwinde den Gedanken, verrückt zu werden und lasse mich auf das Spielchen ein. Vorsichtig öffne ich den rechten Fensterflügel und lasse ihn einen kleinen Spalt offen, damit mein kleiner Freund frei wählen kann, ob er rein oder raus möchte. Dann lehne ich mich zurück und harre der Dinge, die da kommen. Es dauert gar nicht lange, und der Piepmatz kommt tatsächlich hereingeflattert und setzt sich vor mich auf den Tisch. Nochmal stemme ich mich gegen das unwirkliche Gefühl zu träumen und starre meinen Gast bewegungslos an. Eigentlich ist er gar nicht einfach nur grau, eher grünlich … mit einem kleinen bisschen Gelb … und manchmal schimmert sein Gefieder in der Sonne sogar rot … oh warte, war da nicht eben auch noch etwas Blau?

Ich bemerke, dass ich beim Betrachten des zierlichen Wesens den Atem angehalten habe. Ich schnappe nach Luft, und es entfährt mir ein langer Seufzer. Der Vogel erschrickt etwas und hüpft aufgeregt ein paar Zentimeter nach links, raus aus dem Sonnenlicht und rein in den Schatten. Auf einmal ist er wieder einfach nur grau. Ich werde ganz traurig und fühle mich … ja, wie soll ich es beschreiben … ich fühle mich niedergeschlagen, wie tot, alles in mir ist grau … wie das Vögelchen, das da im Schatten sitzt und zu mir herüber lugt. Es tut mir weh, das kleine Geschöpf erschreckt und in den Schatten getrieben zu haben, wo es alle Farben zu verlieren scheint und von wo es mir traurig in die Augen schaut. Tief in mir fühle ich das vehemente Bedürfnis, den Vogel wieder ins Sonnenlicht zu locken, um ihm seine Farben wiederzugeben.

Verzweiflung macht sich in mir breit, und ich suche mit fahrigen Händen in meinen Hosentaschen nach einer Lösung, die dort natürlich nicht zu finden ist. Meine Unruhe steckt meinen gefiederten Kameraden an, und er zieht sich weiter in den Schatten zurück, wo er immer unscheinbarer wird. Mein Kummer wächst ins Unermessliche, als ich plötzlich am Boden einen Krümel entdecke, wahrscheinlich ein Überbleibsel eines Kekses, den ich vor ein paar Stunden gegessen habe. Mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen hebe ich den Krümel auf und lege ihn ganz behutsam an die Stelle meines Tisches, wo die Sonne einen hellen Flecken auf das alte Furnier malt.

Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und verhalte mich ganz still. Ich spüre auf einmal einen leichten Hauch der schon recht warmen Frühlingsluft. Ich bin ganz überrascht, wie angenehm sich das anfühlt. Ich streiche über meinen rechten Unterarm, der ebenfalls von der Sonne beschienen wird und staune darüber, wie warm sich die Haut anfühlt, viel wärmer, als die des linken Arms, der sich im Schatten befindet.

Der Vogel ist inzwischen ein kleines Stückchen näher an den Kekskrümel heran gehüpft. Ich lasse ihn gewähren und richte meine Aufmerksamkeit nach draußen. Plötzlich kann ich den Frühling riechen, und mit dem Duft von warmer Erde und erwachendem Leben, kommen mir Kindheitserinnerungen in den Kopf, die ich völlig vergessen hatte. Unbeschwerte und sorglose Tage, die mir in Erinnerung rufen, wie einfach manches war, als ich noch nicht so resultatorientiert und schnell durchs Leben eilte. Ich muss daran denken, dass es Zeiten gab, in denen ich mich selbst wertschätzen konnte. Mit ein wenig Wehmut erinnere ich mich an die erste Verliebtheit, das leichte Gefühl, gleichzeitig auf Wolke sieben, acht, neun und zehn zu schweben … ich lasse mich fallen in die positiven Gedanken und Emotionen, erinnere mich wieder an sie und wünsche mir sehnlichst, sie festhalten zu können, und wenn das nicht klappt, sie zurück zu erobern. Auf einmal bin ich dem Leben näher als dem Tod … dem Anfang näher als dem Ende.

Ich werde geblendet von allen Farben dieser Welt. Ein warmer Regenbogen ergießt sich über meine Seele, als der Vogel in die Sonne hüpft, bunt schillernd und hell leuchtend seine Belohnung aufpickt, mir scheinbar zunickt und seine wunderschönen Flügel ausbreitet. Er fliegt elegant aus dem Fenster, der Sonne entgegen.

Seine Aufgabe ist erledigt.

Ich habe verstanden.

Es gibt Hoffnung.

Eine Kurzgeschichte

4 thoughts on “Eine Kurzgeschichte

  • März 3, 2020 um 3:37 pm
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    ein punkt, an den wohl jeder mehrmals in seinem leben ankommt … gut ist es, die zeicnen -welche auch immer – zu erkennen … man hat immer eine wahl!

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    • März 3, 2020 um 3:50 pm
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      Lieber Namensvetter,

      lieben Dank für Deinen Kommentar. Ich hoffe nicht, dass jeder durch dieses Tal muss, es ist sehr, sehr tief. Ich gebe Dir allerdings Recht, dass es immer eine Wahl gibt. Darum lasse ich mich von Fachleuten betreuen.

      Herzliche Grüße

      Jens

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  • März 5, 2020 um 9:55 pm
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    Eine berührende Geschichte…vielen Dank dafür.
    Ja, ich kenne diese Zeiten auch – und es ist wohltuend zu lesen, dass man nicht alleine ist…und das in mehrschichtiger Hinsicht!
    Herzliche Grüße
    Karin

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    • März 6, 2020 um 3:43 pm
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      Hallo Karin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Die Erkenntnis, dass man mit dem Mist nicht alleine ist, ist tatsächlich sehr hilfreich. Momentan bin ich viel unter “Gleichgesinnten” und profitiere da sehr von.

      Herzliche Grüße

      Jens

      Antworten

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