Vom Moment, vom Zufall und vom Wert der Beobachtung …

Streetfotografie ist viel mehr, als nur der schnelle, zufällige Schnappschuss auf der Straße. Es gilt vielmehr, den richtigen Moment abzupassen und den Zufall durch Beobachtung zu eliminieren. Als ich vor ein paar Tagen bei großartigem Wetter in London war, kündigte sich mit einem Mal ein heftiger Regenguss an. London bleibt halt London, auch an sonnigen Tagen. Von meinem letztjährigen Aufenthalt dort wusste ich, dass das Straßenpflaster am Picadilly Circus ganz wunderbare Spiegelungen entstehen lässt, wenn es nass ist. Als der Regen begann, befand ich mich in der Nähe und beschloss, einen der hektischsten Plätze Londons aufzusuchen und auf den richtigen Moment zu warten. Bewaffnet mit meiner Kamera und einem Schirm stellte ich mich neben den Eingang zur Metro, und es entwickelte sich tatsächlich etwas Besonderes. Der Regen ließ nach, die Schirme wurden wieder zugemacht und in der Ferne sah ich ihn kommen. Ein Mann, der sich komplett von den Touristen, die den Platz bevölkerten, unterschied. Er trug einen Anzug und hatte im Gegensatz zu den meisten Passanten seinen Schirm noch nicht wieder geschlossen. Jetzt galt es, auf den richtigen Moment zu warten, würde er den Weg nehmen, der mir für mein Foto vorschwebte, oder würde er an meiner rechten Seite vorbeilaufen? Ich komponierte das Bild, inklusive der Ankündigung des Films “Bank Robbery”, denn was passt besser zu London als ein Mann im Anzug, der Begriff Bank und ein Regenschirm? Gespannt wartete ich mit dem Auge am Sucher, und ja, es geschah so, wie ich es mir vorstellte. Ich hatte den Zufall sozusagen vorhergesehen. Damit will ich nicht sagen, dass man hellseherische Fähigkeiten braucht, wenn man auf der Straße fotografiert, aber das Beobachten der Menschen ist ein ganz wichtiger Faktor, will man nicht nur den Schnappschuss, sondern ein schön komponiertes Bild, das eine Geschichte erzählt, das etwas vom Leben unserer Zeit vermittelt.

In einem Workshop von Sebastian Schmidt, Streetfotograf aus Berlin, habe ich gelernt, dass es den Zufall nicht gibt. Ich habe diese Aussage für mich etwas anders formuliert. Der Zufall kann durch intensive Beobachtung vorhersehbar werden und wird dadurch weniger zufällig. Nebeneffekt der Beobachtung ist, dass man über den Menschen an sich vieles lernen kann, und das führt dann wieder zu besseren Fotos …

Der Straßengeier

Der richtige Moment …

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