Vom Sinn und vom Anspruch der Streetfotografie

In Canterbury … in England ist das Fotografieren im öffentlichen Raum übrigens ebenso erlaubt, wie das Veröffentlichen der Bilder …

Das Dokumentieren alltäglicher Situationen im öffentlichen Raum hat für mich nicht nur einen persönlichen Aspekt, sondern ist eine Kunstform, die aufgrund der extremen Sensibilisierung im Bezug auf Persönlichkeitsrecht und Privatsphäre einen zuhnemend schweren Stand in der Gesellschaft hat und leider durch die Rechtsprechung immer mehr in eine rechtliche Grauzone gerückt wird, die sie nicht verdient hat. Darüber hinaus ist die Streetfotografie eine sehr, sehr wichtige Form der Dokumentation, die keinesfalls aussterben darf.

 Was ist Streetfotografie eigentlich, und was ist es eben nicht?

 Streetfotografie, so kann man es in mehreren Quellen finden, ist die fotografisch-künstlerische Darstellung des Lebens im öffentlichen Raum, nicht mehr und nicht weniger. Wie so oft, kann dies natürlich auf verschiedene Weisen interpretiert werden.

Davon ausgehend, dass die Streetfotografie Dokumentation des Zeitgeistes, der Realität der jeweiligen Zeit ist, kann man sagen, dass abgebildeten Personenn oftmals eine untergeordnete Rolle zukommt. Die Person ist in den meisten Fällen austauschbar und dient lediglich entweder der Komplettierung einer Szene, oder der Bildgestaltung. Es geht oft nicht um die Person, sondern um den (einen) Menschen. Eine dokumentarische Aufnahme einer übervollen U-Bahn in Tokyo ohne Menschen funktioniert ganz einfach nicht. Das gilt nicht für alle Spielarten der Streetfotografie, doch darüber zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Ich habe volles Verständnis dafür, dass gegenüber dem Genre ein gewisses Misstrauen entstanden ist. Die Kombination aus sehr fototauglichen Mobiltelefonen und dem immer weniger werdenden Respekt voreinander innerhalb unserer Gesellschaft hat dazu geführt, dass immer öfter (und in manchen Kreisen mit, mir unverständlicher, wachsender Begeisterung) Fotos im Internet auftauschen, auf denen es nur darum geht, Menschen in kompromittierenden Situationen der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Menschen wollen Skandale und die Social Media ist voll von Bildern, mit denen ich mich keinesfalls einverstanden erklärte, wäre ich darauf zu sehen. Das ist aber keine Streetfotografie:

Streetfotografie ist keinesfalls der Versuch, ein skandalträchtiges Foto einer oder mehrerer Personen in kopromittierenden Situationen zu machen und zu verbreiten oder Personen in irgendeiner Weise der Lächerlichkeit oder dem Voyeurismus preiszugeben. Kein ernsthaft und vernünftig arbeitender Streetfotograf wird solche Bilder machen oder gar veröffentlichen!

Streetfotografie ist ästhetisch, Streetfotografie ist dokumentarisch und Streetfotografie ist notwendig. Huch, da lehnt sich aber einer weit aus dem Fenster … mitnichten. Ich war im letzten Sommer mit meiner Familie in Berlin und habe dort das Museum “History of Berlin” besucht. Was uns in diesem Museum besonders beeindruckte, waren die Fotos aus den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Menschen in den Straßen Berlins kurz nach der Jarhundertwende. Man kann dort sehr ästhetische, ungemein dokumentarische Bilder sehen, die uns viel lehren über die damalige Zeit. Wie stehen die Menschen zueinander, wie sind sie gekleidet, was verrät ihre Körpersprache über das Zusammenleben in der Zeit? Schon aus historischen Gründen besitzen diese Fotos einen unschätzbaren Wert. Heute wären viele dieser Fotos nicht mehr möglich. Aufgrund des bereits erwähnten Misstrauens in die Streetfotografie und unserer paranoiden Einstellung zum Datenschutz, zum Recht am eigenen Bild wäre es heute rechtlich ein Problem, diese Bilder zu veröffentlichen.

Ich erwähnte eben unsere paranoide Einstellung zum Datenschutz. Das klingt möglicherweise arrogant, ist aber, objektiv gesehen, tatsächlich vorhanden, stärker noch ist jedoch die schizophrene Art und Weise, wie die meisten Menschen damit umgehen. Man findet im Internet, auf den Plattformen sozialer Medien wie Facebook, Instagramm, Snapchat und Co. die eigenartigsten und teils abwegigsten Selfies, die, und das ist doch ironisch, oft kompromittierender sind, als Bilder, die von verantwortungsvollen Fotografen auf der Straße gemacht werden. Man denke an die wöchentlich wiederkehrenden Bilder sturzbetrunkener Helden des Wochenendes, oft in äußerst peinlichen Situationen. Dem gegenüber steht die Abneigung gegen Fotos, die von anderen gemacht und möglicherweise ohne jede Kontrollmöglichkeit veröffentlicht werden könnten. Das ist es, was ich als schizophren empfinde. Persönlich ist mir mein Konterfei, aufgenommen von einem guten Streetfotografen lieber als so manches Selfie …

Um der rechtlichen Grauzone zu entkommen, gibt es zwei Möglichkeiten: man fotografiert nur noch safe, was bedeutet, dass man Personen nur so ablichtet, dass sie nicht erkennbar sind. Das wiederum ist enorm schwierig, denn das Gesetz besagt mittlerweile, dass Personen nicht nur am Gesicht, sondern auch an Körperhaltung und Kleidung erkennbar sind.

Safe …

Die zweite Möglichkeit ist natürlich, die entsprechende Person zu fragen. Allerdings ist das Fragen vorab ziemlich unsinnig, denn es zerstört die Spontaneität der Situation und das Bild wirkt immer gestellt. Man kann natürlich im Nachhinein die abgelichtete Person um Erlaubnis bitten. Das praktizieren manche Streetfotografen, aber auch das hat Nachteile. Ein vielleicht geniales Foto muss gelöscht werden, weil entsprechende Person gar nicht erst die Erklärung des Sinns des Fotos hören will. Auch macht man sich möglicherweise die folgenden Fotos zunichte, weil man sozusagen aus seiner Deckung springt. Schlussendlich hat der Streetfotograf oft ganz einfach nicht die Zeit, für Erklärungen, denn das nächste Foto wartet vielleicht schon.

Diesen jungen Mann habe ich nach der Aufnahme des Fotos angesprochen, er hat mir bereitwillig die traurige Geschichte seines Hundes erzählt…

Letztendlich ist es nach meiner Auffassung enorm wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Image der Streetfotografie muss wieder positiver werden. Wir Streetfotografen wollen auf künstlerische Weise das Leben auf der Straße dokumentieren. Diese Fotos können von historischem Belang sein, was natürlich nicht immer zutrifft.  Was jedoch immer zutrifft ist das Bemühen, seinen Bildern eine gewisse Ästhetik innewohnen zu lassen, danach strebt wohl jeder (Street-)Fotograf. Wenn Sie jemanden sehen, der Szenen des alltäglichen Lebens ablichtet, sprechen Sie ihn doch einmal an. Lassen Sie sich die Bilder zeigen, sehr oft werden Sie verwundert sein, welch schöne Bilder dabei entstehen. Misstrauen Sie nicht sofort jedem Fotografen, es sind verantwortungsvolle und gute Exemplare dabei. Wenn Sie gerne fotografieren und das Thema erscheint Ihnen interessant, dann gehen Sie doch einmal zu einem der vielen Fotowalks. Lernen Sie Anhänger des Genres kennen und sprechen Sie mit Ihnen, vielleicht haben Sie hinterher mehr Verständnis für die Motivation der Teilnehmer.

In diesem Beitrag können nur wenige Facetten angesprochen werden. Beispielsweise der Gesichtspunkt des Menschen als sogenanntes Beiwerk im Bild wurde nicht in meine Stellungnahme aufgenommen. Insofern erhebt dieser Beitrag sicher nicht Anspruch auf Vollständigkeit. Genauso wirft er Fragen auf, die an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Dieser Beitrag ist der Versuch, eine Lanze für meine Leidenschaft zu brechen. Es wäre schön, wenn ich eins habe deutlich machen können:

Streetfotografie ist nicht böse. Streetfotografie ist wertvoll und im besten Falle ist sie Kunst.

Der Straßengeier

Das Image …

2 thoughts on “Das Image …

  • Juni 13, 2017 um 8:57 pm
    Permalink

    Hey Strassengeier. Dein Beitrag enthält viele Gedanken. Da es für mich schon spät ist , nur einen Punkt. Ich halte Straßenfotografie auch im besten Fall nicht für Kunst. Es mag vereinzelt Bilder aus dem Bereich der Straßenfotografie geben, die den Rang von Kunstwerken erhalten, der Urheber mag als Künstler bezeichnet werden. Das ist aber eher die Ausnahme. Und das muss auch so sein. Ich kenne einige Straßenfotografen, würde aber keinen als Künstler bezeichnen.
    Steckt hinter dem Thema Straßenfotografie als Kunst nicht eher das Bedürfnis unter dem Schutz der Freiheit der Kunst endlich einfach fotografieren zu dürfen und auf der Straße endlich sagen zu können: Ich darf das, das ist Kunst und die ist frei.
    Viele Grüße aus Hamburg, Ernst Wilhelm

    Antworten
    • Juni 15, 2017 um 6:27 am
      Permalink

      Hallo Ernst Wilhelm,

      vielen Dank für Deinen Kommentar, großartig, dass mein noch so junger Blog schon Menschen in Hamburg erreicht 😉

      ich will gerne Stellung nehmen zu Deinen Gedanken. Ich habe mir ein paar (+/- 25) Definitionen des Begriffes Kunst durchgelesen und fand im Grunde in allen Definitionen zwei Kernaussagen immer wiederkehrend. Auf der einen Seite ist der Begriff Kunst in seiner Definition etwas sehr persönliches und auf der anderen Seite hat Kunst immer etwas mit Kreativität, mit Schaffen und auch mit Fertigkeit zu tun. Wenn ich mir die zweite Seite anschaue, dann hat die Streetfotogragie durchaus künstlerische Elemente zu bieten. Die erste Seite gibt dem Betrachter die Freiheit, ob er ein Bild als Kunst betrachtet oder eher als handwerklich gut oder als dokumentarisch. So gesehen wird es kaum möglich sein, eine Allgemeingültigkeit des Begriffes Kunst (oder auch Nicht-Kunst) für die Streetfotografie zu etablieren.
      Viel interessanter finde ich jedoch Deine Frage, ob der Begriff Kunst nicht eher als Deckmantel missbraucht wird, um die rechtliche Lage auszuhebeln. Mit dieser Frage triffst Du genau den Kern des Problems, das mich sehr beschäftigt. Mit absoluter Sicherheit wird es Fotografen geben, die das so handhaben. Im Blogbeitrag habe ich beschrieben, dass ich das Misstrauen gegenüber dem Genre gut verstehen kann. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es nicht die Regel ist. Für mich persönlich gilt, dass ich mich um eine kreative Dokumentation der Realität bemühe … und ja, ich hoffe, dass ich irgendwann einmal Bilder mache, die irgendwer als Kunst versteht … und ich hoffe sehr, dass ich mit meinem Blog einen kleinen Beitrag leisten kann, um die Streetfotografie von ihrem schlechten Image zu befreien.

      Lieben Gruss vom Niederrhein

      Der Straßengeier

      P.S.: Ein Blogeintrag zu diesem Thema ist bereits in Arbeit 😉

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