Das gefragte Portrait

Vom Springen über Schatten, von überraschender Offenheit, vom Warum, vom Wie und vom Was …

Camden Market, London

Ich hatte kürzlich ein ganz wunderbares Erlebnis mit einer Gruppe Obdachloser und Straßenmusikanten, das sehr lustig und inspirierend war. Dieses Erlebnis und das gute Gefühl, dass sich einstellt, wenn ich an meinem gegenwärtig wichtigsten Projekt arbeite, nehme ich zum Anlass, mir endlich wieder einmal die Zeit zu nehmen, und einen neuen Blogeintrag zu schreiben. Mein Projekt dreht sich seit einigen Monaten immer mehr um das gefragte Portrait, will sagen um Streetportraits, die nicht candid sind, sondern um die ich gebeten habe, was das Portrait letztlich doch spontan macht, denn die Menschen, die ich portraitiere, haben keine Möglichkeit, sich vorzubereiten. Im Folgenden geht es um das Warum, das Wie und das Was meines Projekts …

… im vollen Ornat …

Ich beginnen mit dem Warum und begebe mich dabei schreibend auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, denn im Gespräch mit der- oder demjenigen, den man gerne portraitieren möchte, ist gerade diese Frage argumentativ sehr interessant. Natürlich ist die erste Annäherung immer das Vorstellen meiner Person und meines Projektes, welches beinhaltet, dass ich eben Fremde auf der Straße anspreche und um ein Portrait bitte. Oft kommt dann die Frage nach dem Warum, und das ist schwierig zu beantworten, denn ich möchte weder schwammig noch allzu pathetisch ‘rüberkommen.

Tatsache ist, dass mich manche Menschen auf der Straße triggern. Sie haben etwas, das andere nicht haben. Was es genau ist, kann ich auch nach langem Grübeln nicht genau sagen. Über diese Frage habe ich mich auch mit Dieter Wunderlich unterhalten, das Interview ist im nächsten Soul of Street zu lesen, und ohne viel vorwegzunehmen (spoilern sagt man heute wohl), zu einer eindeutigen Antwort sind wir nicht gekommen. Es ist pures Bauchgefühl, abhängig von der Laune des Tages. Belassen wir es dabei. Viel interessanter ist doch, warum Portraits? Lange hielt ich Portraits, und ich meine damit gefragte Portraits, gar nicht für echte Streetfotografie, wo es doch darum gehen soll, das tägliche Leben abzubilden, ich hielt sie schlicht für nicht spontan/candid genug.

Canterbury, ich mag starke Kontraste und auch Schlagschatten …

Wer mich kennt, der weiß, dass ich Dogmen noch nie etwas abgewinnen konnte, und es war für mich eine logische Entwicklung, mich auch dieser Spielart der Streetfotografie einmal anzunehmen. Man könnte meinen, dass die neue DSVGO hier eine Rolle spielt, und das möchte ich nicht völlig ausschließen. Ein Portrait mit Zustimmung der portraitierten Person ist wohl kaum illegal. Letztlich sind es jedoch die Liebe zum Menschen (Achtung Pathos) und die Neugier, wer mir denn da nun schon wieder aufgefallen ist (Achtung Schwammigkeit), die mein Projekt vorantreiben. Dazu kommt ein gewisses Kribbeln, über seinen Schatten zu springen und auch wirklich zu fragen.

Straßenmusikant

Ich komme hier kurz zurück auf die Einleitung, in der ich die Obdachlosen und Musikanten erwähnte. Letzte Woche schlenderte ich durch Kleve und hatte ein Inspirationsproblem. Ich war müde und etwas down, was mir am Anfang meiner Ferien immer passiert. Ich brauche immer ein paar Tage … wenn der Arbeitsdruck von mir abfällt, kann es sein, dass ich Kopfschmerzen kriege, oder eine Erkältung, ich fühle mich dann oft ausgelaugt. Das führte zu einer Stimmung, in der ich nicht wirklich jemanden sah, der unbedingt Teil meines Projektes ausmachen musste. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mehrere Obdachlose und Musiker auf einer Treppe sah. Mensch, dachte ich, da sind ein paar beeindruckende Gesichter bei, Gesichter, die etwas erzählen können. Die wollte ich gerne fotografieren.

Der Schatten, über den ich springen musste, war besonders hoch, denn ich wusste nicht, wie man auf mein Anliegen reagieren würde. Außerdem fragte ich mich, ob die Herrschaften nicht möglicherweise Sensationslüsternheit hinter meiner Frage vermuten könnten, so nach dem Motto: Du willst uns ja nur als Randgruppe fotografieren. Für mich selbst ist deutlich, dass das sicher nicht der Wahrheit entspricht. Wenn mich ein Mensch triggert, ich sein Konterfei festhalten will, dann ist es mir völlig egal, ob es sich um Ärzte, Kaufleute, Handwerker oder eben Obdachlose handelt. Mich interessiert in dem Moment der Mensch, der da steht. Auf die Stirn geschrieben steht mir das allerdings nicht. Nach drei Anläufen habe ich es gewagt und habe meine Models angesprochen … und siehe da, es war herrlich. Sie waren von meinem Projekt begeistert, sie spürten meinen Respekt und ihnen gefielen die Bilder, die ich ihnen zeigen konnte (Smartphone nicht vergessen!). Einige von Ihnen ließen sich gerne fotografieren, einer setzte selbst seinen Rucksack auf „wenn, dann im vollen Ornat“. Kein Hauch von Unsicherheit, im Gegenteil, Stolz war es, den ich da erfuhr.

Porky

Die Krönung allerdings war Porky, der für mich posierte, dass es eine wahre Pracht war. Ein humorvoller, im positiven Sinne abgedrehter Typ, ein echtes Original. Teilweise war er so schnell, dass ich gar nicht hinterher kam. Ich habe einiges von ihm erfahren, eine wertvolle Begegnung. Sollte er je in die Verlegenheit kommen, dies zu lesen, dann hoffe ich sehr, dass ihm die Bilder gefallen.

… eine kurze, aber wertvolle Begegnung …

Es sind sicher auch die kurzen Begegnungen, die eine Antwort auf mein Warum sind. Dennoch lasse ich gerne die Bilder für sich sprechen, ohne viel, darüber zu erzählen, wen ich da portraitiert habe, hoffend, dass das jeweilige Bild den Betrachter auch triggert.

Ein Wenig kam auch das Wie bereits zur Sprache. Ich brauche oft einen Moment oder zwei (oder mehrere), bevor ich die Menschen anspreche. Sicherlich ist das eine Frage der Übung, denn je öfter ich es tue, desto einfacher wird es, zumal ich tatsächlich kaum negative Antworten bekomme. Viele Menschen genießen es sogar regelrecht, dass sie mir aufgefallen sind. Andere wollen wissen warum ich sie fotografieren will und fragen, was mit ihrem Bild passiert. Das ist schon ‘mal fast ein Ja, und ich habe immer Visitenkärtchen dabei, wo sie Kontakt aufnehmen können. Wer mir eine Mail schickt, der bekommt natürlich sein Bild zugesandt. Das Smartphone habe ich bereits erwähnt, es ist gut und überzeugend, wenn man ein paar seiner bisherigen Arbeiten zeigen kann.

Ich habe einige Portraits mit der Ricoh GRii gemacht, bevorzuge aber für die Portraits meine Olympus OMD EM 10ii mit montierter 45 mm f1,8 Festbrennweite. Das entspricht 90mm bei Vollformat und ist für Street sicherlich recht lang, für Portraits aber sehr geeignet, wie ich finde, gerade, weil ich gerne das Close-Up mache, mich also wirklich auf das Gesicht konzentriere. Außerdem mag ich bei Portraits das Format des Micro-Four-Third-Sensors der Olympus, 4:3, sehr. Ich fotografiere mit Blendenautomatik, die ich meist auf f4,0 einstelle. Den Rest macht die Kamera, die kann so viel, lass die ‘mal machen.

Aber was bringt mir mein Projekt eigentlich? Das ist natürlich stark verknüpft mit dem Warum, es geht um Kennenlernen, um Grenzen verlegen und um Freude am Portraitieren. Ich interpretiere den Begriff Portrait nicht nur als Ablichten eines Gesichtes, sondern als den Versuch, die Persönlichkeit hinter dem Gesicht einzufangen und meine eigene auszudrücken. Ein Portrait ist immer auch das des Fotografen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass gefragte Portraits zur Zeit eine Modeerscheinung sind und somit etwas an Originalität verlieren. Ich versuche jedoch nicht mitzuschwimmen, sondern meine Art, mein Verständnis und meinen Stil zu entwickeln. Hierbei ziele ich auf die Auswahl meiner Models und die Bearbeitung der Bilder. Ich mag viel Kontrast … was auch immer das über mich aussagt 😉

Der Straßengeier

12 Antworten zu “Das gefragte Portrait”

  1. Hey! Geier. Es ist schon eine besondere Kunst, das Eigene so detailliert zu beschreiben, in Wort und Bild, wie du es machst. Es liest sich gut und Du bietest Punkte und Flächen, an denen ich mich festmachen kann und mich auch reiben kann.

    Ich finde, du machst schöne “Headshots”, zeigst Gesichter. Näherst dich Menschen, respektvoll. Deine Bilder zeigen, was dich triggert. Ohne genauer zu beschreiben, was es genau ist. Optisch und vielleicht auch biographisch etwas neben dem Mainstream. Es scheinen mir keine Portraits, in denen etwas von den Menschen sehen ist, was sie antreibt, was sie machen, worauf sie stolz sind. Mir scheint, gesehen und dargestellt wird Differenz.

    Zum Thema “Fotografieren einer Randgruppe”. Wenn ich meine eigenen “portraitähnlichen” Aufnahmen betrachte, fällt mir auf, daß ich sehr viele Obdachlose fotografiere. Ich fotografiere kaum Berufstätige, kaum Geschäftsleute, kaum Eltern, oder … . Ich glaube, in meinem Bedürfnis nach “besonderen, guten” Fotos suche ich nach schwacher Beute. Obdachlose als Randgruppe sind eine schwache Beute, auch für mich. Geschäftsleute, Berufstätige fotografiere ich deutlich seltener in dieser “Headshot” Form. Sie würden sich wohl schlicht nicht soviel Zeit für mich nehmen, sie könnten mit meinem Interesse an ihnen sehr viel weniger anfangen.

    Meine Wunsch bei deinen Bildern, zeige mehr von dem Platz, von den Beziehungen der Protagonisten, von ihrer Musik. Erzähle mehr, was du siehst.

    P.S. Danke für deinen Blog.

    1. Lieber Ernst Wilhelm,

      vielen, lieben Dank für Deine Komplimente. Es freut mich wirklich sehr, wenn mein Geschreibsel und meine Bilder Dich berühren oder zum Nachdenken anregen. Das macht mir Mut, weiterzumachen.

      Über Deinen Wunsch habe ich nachgedacht. Im Moment will ich gerade nicht mehr von dem erzählen, was ich sehe. Das will ich kurz begründen: ich sehe einen Menschen, der mich anspricht, mich triggert. Das will ich festhalten und dem Betrachter zeigen. Vielleicht kann der Blick des Portraitierten, die Perspektive, die Haltung des Kopfes, die Mimik … vielleicht kann das Zuammenspiel dieser Komponenten beim Betrachter des Fotos das gleiche Interesse wecken. Dann würde derjenige sich fragen, wer ist das, dem ich da ins Gesicht schaue? Das regt zum Denken an, genau so, wie es mich angeregt hat, als ich die Person entdeckte. Wenn ich vom Drumherum erzähle, dann wird’s zu einfach.

      Trotzdem finde ich den Gedanken, Portraits zu machen, in denen die Umstände des Moments deutlicher werden, sehr gut, und wer weiß, möglicherweise wird das in naher Zukunft ein neues Projekt?

      Ich freue mich immer über Deine Anregungen!

      LG vom Geier

      P.S.: Ich hoffe, beizeiten auch Geschäftsleute in meine Arbeit aufnehmen zu können. Auch da gibt es sehr interessante Charaktere. Letztens habe ich einen Mann im Anzug gesehen, der bis zum Hals tätowiert war. Cooler Typ, aber er stieg gerade in den Bus …

      P.P.S.: Ich bin davon überzeugt, dass auch der Berufstätige, der kaum Zeit zu haben scheint, sich über unerwartetes Interesse an seiner Person freuen kann. Vielleicht trifft man so jemanden einmal in der Pause und bekommt die ein, zwei Minuten, die es dauert …

  2. Lieber Jens,
    als ich vor ungefähr 10 Jahren begann, Fotografie professionell zu betreiben, hat das unglaublich viel Qualität in mein Leben gebracht. Mein Leben hat sich vollkommen verändert. Nun widme ich mich zwar anderen Themen, aber die Fotografie wird immer ein ganz wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit bleiben.

    In Deiner Entwicklung und Deinen wunderbaren Fotos kann ich sehen, dass Dir etwas sehr Ähnliches geschieht und das berührt mich auf eine besondere Weise.

    Vielen Dank, dass Du Deine Gedanken und Deine Bilder teilst. Fotografie ist eben NICHT der Druck auf einen Auslöser, sondern eine Art zu leben. Viele Menschen verkennen die Möglichkeiten, die in der Fotografie stecken. Du gehörst nicht zu ihnen.

    1. Lieber Sebastian,

      ein solches Kompliment aus Deinem Munde bedeutet mir besonders viel. Schließlich bist Du der Hauptauslöser für meine Entscheidung für die Streetfotografie gewesen. Dein Workshop hat mir seinerzeit Grenzen aufgezeigt und mir den Mut und den Wunsch gegeben, selbige zu versetzen.

      Du hast so Recht, Fotografie ist so viel mehr, als nur ein Schnappschuss. Ich habe inzwischen Tage, an denen nur noch wenige Bilder mache, da ich heute wesentlich selektiver um mich herum nach Motiven Ausschau halte. Das schärft das Auge für Situationen und für die Menschen, die etwas Besonderes haben.

      Dass Du für mich in vielerlei Hinsicht ein Vorbild bist, brauche ich nicht wirklich zu sagen. Darum freue ich mich um so mehr über Deinen Kommentar. Lieben Dank und viele Grüße an den Deich!

      Herzliche Grüße

      der Geier

  3. Lieber Jens

    Ein ganz starker Blogpost von dir. Er sprüht nur so von Menschlichkeit. Ich kenne dich vielleicht nicht so lange und gut wie manch anderer hier aber ich sehe eine starke Entwicklung. Und deine Worte sprechen mir aus dem Herzen. Ich hoffe das wir uns bald mal wieder sehen Jens.

    1. Lieber Ralf,

      vielen Dank für Dein Kompliment. Wir sehen uns sicher bald. Entweder auf einem der Waks oder einfach so. Ich freue mich schon drauf.

      Liebe Grüße

      Der Geier

  4. Hallo. Ich bin über Instagram auf deine Seite hier gestoßen. Das hier ist der erste Blogeintrag, den ich lese. Du schilderst nachvollziehbar und glaubhaft deinen Respekt vor den Menschen. Dein Projekt finde ich sehr spannend und ich freue mich auf weitere Bilder. Hat spaß gemacht den Artikel zu lesen. Ich schaue mich hier mal weiter um;)

    1. Hallo Andre,

      freut mich sehr, dass Du hierher gefunden hast. Danke für Dein Kompliment. Ich hoffe, dass Du noch mehr findest, was Dir gefällt. Mein Projekt wächst und gedeiht, der nächste Blogeintrag ist bereits in Arbeit.

      Herzliche Grüße

      Der Geier

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