Von Kinderliedern, von guten Gründen, von ständigem Reflektieren und von Entscheidungen …

Scheißegal – keine sehr reflektierte Haltung …

“Der, die, das … wer, wie, was … wieso, weshalb, warum … wer nicht fragt, bleibt dumm. 1000 tolle Sachen, die gibt es überall zu seh’n, und manchmal muss man fragen, um sie zu versteh’n …” das gute, alte Sesamstraßenlied. Irgendwie bin ich kürzlich über die Melodie gestolpert, konnte automatisch mitsingen und realisierte, dass gerade die ersten Zeilen inhaltlich so viel Gewicht für mich hatten und noch haben, dass ich darüber nachzudenken begann, was mich auf der Straße eigentlich so drängt, Bilder zu machen und warum ich mich so zurückhalte mit dem Machen bzw. Veröffentlichen bestimmter Fotos.

Umgebung “erfahren”…

Es gibt verschiedene Arten, wie Menschen ihre Umgebung erfahren, wie sie Dinge anpacken und wie sie lernen. Wer mag, kann sich weiter in dieses Thema vertiefen – man googlet die Stichworte „Lernstile“ oder „Lernstile nach Kolb“, da gibt’s einiges zu entdecken, vor allem über sich selbst. Wer sich damit auskennt wird verstehen, was ich meine, wenn mein Lernstiltest vor einiger Zeit das Ergebnis „Ausführer/Praktiker“ ergab, und zwar fast ausschließlich. Alles erstmal aus dem Bauch heraus. Kurz interpretiert bedeutet das, dass ich die Dinge gerne tue, und erst im zweiten Schritt Wert auf Gebrauchsanweisungen, Meinungen von erfahrenen Menschen oder langwieriges Betrachten der Materie lege. Das hat seine Vorteile, besonders dann, wenn mich etwas interessiert, denn dann bin ich schon lange aktiv damit beschäftigt, wenn andere gerade darüber nachdenken, wie und was sie eigentlich wollen. Wenn ich mich für etwas begeistere, dann kann es sein, dass ich Scheuklappen aufhabe und, stumpf die entsprechende Richtung einschlagend, kaum noch zu bremsen bin. Großer Nachteil dieser Eigenschaft ist, dass ich dabei oft übersehe, dass bestimmte Dinge vor der eigentlichen Ausführung einer Aktivität gemacht werden sollten. So habe ich während meines Studiums als Abschlussarbeit eine fast 300 Seiten dicke Abhandlung über meinen Studienfortgang und die daraus resultierende Eignung als Lehrer in niederländischer Sprache geschrieben und abgegeben, nur um sie postwendend zurückgeschickt zu bekommen, mit der Anmerkung ob ich wüsste, wie so eine Abschlussarbeit auszusehen habe? Wusste ich natürlich nicht, und so musste ich die komplette Abhandlung noch einmal gemäß den zugehörigen Richtlinien verfassen. Ob diese Richtlinien nun den Inhalt in irgendeiner Form verändert haben, das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte …

Auf der anderen Seite bin ich wiederum jemand, der im Nachhinein sehr, oft vielleicht zu sehr darüber nachdenkt, welchen Anteil hatte ich nun an dieser oder jener Situation … was habe ich gut oder falsch gemacht? Der erweckt in mir oft zwiespältige Gefühle und hat sicher Einfluss auf die Art und Weise, wie ich vergleichbare Situationen bim nächsten Male ausführe, und genau darum geht es doch. Die Schönheit der Welt aktiv entdecken und im Anschluss reflektiv zu begreifen.

schwarz-weiß … für mich favorisiert … aber Reflektion lässt mich erkennen: hier kommt Farbe besser 😉

Genauso geht es mir mit der (Street-)Fotografie. Ich tue, ich mache Bilder und verstehe im Nachhinein, was mich bewegt hat, das Bild zu machen, was mich wiederum antreibt, genau dieses Warum beim nächsten Mal besser zu machen, einfach weil ich das Warum erkenne. So entstehen dann auch meine Serien – nicht auf Basis einer Idee, sondern als Idee auf der Basis gemachter Bilder. Manchmal dauert es dann halt etwas länger, bis ich dahinter komme, was mich eigentlich antreibt.Warum also Streetfotos? Naja, dass ich mich selbst, besser gesagt bestimmte Charaktereigenschaften meiner Person in der Serie „High Contrast“ verarbeite, das habe ich bereits in älteren Posts erklärt. Ich versuche immer wieder dahinter zu kommen, was mich speziell an der Straße so interessiert. Vor ein paar Tagen habe ich ein Video von Eric Kim zum Thema Ethik gesehen, worin er einen ganz wunderbaren Satz sagt. Er fotografiert, weil das Leben so schön ist und er es festhalten will. Dazu gibt es von meiner Seite schon ‘mal ein uneingeschränktes Ja! Ich könnte jedoch auch Landschaften, Tiere und Portraits als Motiv wählen (letzteres liebe ich neben dem Genre Street ebenfalls sehr), wenn es mir um die Darstellung der Schönheit des Lebens geht, aber mir gefällt der Gedanke ungemein, den unwiederbringlichen Moment zu dokumentieren und ihm meinen Stempel aufzudrücken. Dieser Stempel ist etwas ganz besonderes, denn ein eigener Stempel ist sehr schwierig zu erschaffen. Das wäre dann der Aspekt, der einem Künstler seinen Wiedererkennungswert gibt, und den wir uns alle im stillem Kämmerlein doch wünschen. Ersetzen wir den Begriff Stempel an dieser Stelle vielleicht durch die eigene Interpretation, die zwar eigen ist, aber nicht immer plakativ erkennbar.

Was macht dann die eigene Interpretation des Augenblicks auf der Straße aus? Was führt dazu, dass drei Fotografen von derselben Szene mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit drei verschiedene Bilder machen werden, manches Mal derart verschieden, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt? Warum ergibt das Projekt “Drei Blickwinkel”, das wir mit dem NRW35 Kollektiv regelmäßig zur Ausführung bringen, und das die Aufgabe beinhaltet, dass jeder von uns dreien 33 Minuten Zeit hat, um auf demselben Terrain 3 Bilder zu machen, fast niemals die Motive übereinstimmen? Nun, das hat auf der einen Seite mit der Wahrnehmung zu tun. Jeder nimmt seine Umwelt auf seine eigene Weise wahr. Das liegt an so persönlichen Dingen wie Geschmack, Erfahrung, Ethik und mehr. Die andere Seite beinhaltet das reflektorische Moment. Vielleicht nicht bewusst im Moment des Fotografierens, aber ganz bestimmt als unterbewusstes Element, das die gemachten Erfahrungen auf diese Weise in unser Handeln/Fotografieren beeinflusst. Das ist zumindest bei mir und allen, die Praktiker sind, der Fall. Bei den Menschen, die eher Denker oder Untersucher sind, läuft das sicher anders ab.

Entscheidung … welchen Zug nehme ich?

Als Streetfotograf stehe ich nach der Entscheidung, was und wie ich fotografiere im Nachhinein noch vor einer weiteren Entscheidung, am Ende des Tages stellt sich die Frage, welches Bild veröffentliche ich, und welches bleibt lieber auf der Festplatte. Diese Entscheidung ist für mich oft schwierig. Es gibt bestimmte Arten von Bildern, die ich mir sehr gerne anschaue, die ich aber nicht machen oder veröffentlichen würde. Ich mache  mir relativ wenig Gedanken um die DSGVO, das kann man in einem älteren Post nachlesen, aber es gibt Fotos, die überschreiten Grenzen, die ich mir selbst gesetzt habe. Ich habe schon manches Bild nicht gemacht, weil ich es in dem Moment nicht passend fand, und ich habe noch Bilder, die ich nicht oder noch nicht veröffentlicht habe, weil ich das Gefühl habe, eine Grenze überschritten zu haben. Ich merke allerdings auch, dass sich diese Grenze immer mehr verschiebt, ganz einfach, weil ich die Existenz dieser Grenzen reflektiere. Es gibt nach meinem Empfinden Grenzen, die ihre Berechtigung haben und solche, die völlig willkürlich und oft unsinnig irgendwo gesetzt wurden, weil irgendwo ja eine Linie gezogen werden muss. Die DSGVO enthält viele dieser ziemlich unsinnigen Grenzen. Ich bin der Meinung, dass selbige niemals überschritten, aber ständig versetzt werden sollten. Das macht Entwicklung aus.

“Der, die, das … wer, wie, was …” wahre Worte aus einem Kinderlied. Offenen Auges durch die Welt laufen und Momente festlegen, am liebsten als eigene Interpretation, irgendwann sogar mit eigenem Stempel … vielleicht …

Der Straßengeier

Bewusst fotografieren

2 thoughts on “Bewusst fotografieren

  • Februar 9, 2019 um 8:06 am
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    Hallo Jens. Ein Gedanke zu eurem 3 Bilder von 3 Fotografen in 33 Minuten an einem Ort. Die Unterschiedlichkeit von Fotograf*innen beim Vorgehen bei der Motivsuche und -wahl würde meines Erachtens gewinnen, wenn ihr (jeder von Euch) dazu ein paar Gedanken dazu veröffentlicht. Ich kann mir vorstellen, daß interessierte Leser und Beobachter da etwas mitnehmen können.
    Grüße aus Hamburg Wandsbek

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    • Februar 9, 2019 um 3:32 pm
      Permalink

      Hallo Ernst Wilhelm,

      ich freue mich wie immer über Deinen Kommentar, vielen Dank. Deine Idee ist interessant, wir haben schon darüber gesprochen, sind uns aber noch nicht ganz sicher. Das Projekt läuft ja noch, wer weiß, was da noch alles geschieht … heute haben wir die 3 Blickwinkel an einem ganz komischen Ort … Du wirst schon sehen, eine echte Herausforderung 😉

      Bis bald.

      Herzliche Grüße

      Jens

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