Meine Photokina 2018

Von wunderbaren Tagen, von großartigen Kollegen, von meiner Lieblingskamera und von unbändiger Vorfreude …

Meine Wenigkeit während meines kleinen Vortrages … Foto by Ralf Scherer

So, die Photokina ist gelaufen. Als Soul of Street-Team haben wir wundervolle Tage gehabt. Einen kurzen Bericht dazu findet der geneigte Leser im Blog auf der Seite von Soul of Street. An dieser Stelle möchte ich meine Erfahrungen als Strassengeier schildern, denn das, was ich im letzten Post angerissen habe, hat sich rasend schnell weiterentwickelt. Ich bin PxP-Fotograf und habe auf der Messe meine Bilder, die ich mit der Ricoh GRII gemacht habe, vorgestellt.

… während der Messe, auf dem Weg zurück vom stillen Örtchen …

Am Freitag bin ich den SoS/Ricoh-Walk mitgelaufen. Ricoh hat uns für jeweils zehn Teilnehmer die GRII zur Verfügung gestellt, und es wurde getestet, was das Zeug hielt. Leider war der Walk, den ich mitgemacht habe, der einzige in den Messetagen, der wettermäßig eher ins Wasser fiel. Trotzdem war ich wieder einmal in großartiger Gesellschaft und konnte ein paar gelungene Bilder machen. Kurz vor dem Ende des Walks habe ich mich dann verabschiedet und bin in Richtung Messe verschwunden, denn ich hatte ja noch Großes vor. Am Messestand von Ricoh angekommen, war ich überwältigt. Das Logo von Soul of Street so groß, meine Bilder auf feinstem Papier gedruckt an der Wand hängend und meinen Namen mit ein paar Fotos in der Vorschau auf dem großen Flatscreen zu sehen … das war ein sehr besonderes Gefühl. Ein gewisser Stolz durchströmte mich, aber auch wieder Selbstzweifel, denn die Bilder der anderen Fotografen, die am Freitag ihre Arbeiten präsentieren durften, waren von enorm hoher Qualität, und auch wenn ich bewusst fotografiere und mir Gedanken mache was, warum und wie ich es aufnehme, so habe ich nicht oft den Eindruck, großartige Bilder zu machen. Ist halt so ein Ding bei mir, meine Aufnahme in den Pool der PxP-Fotografen war für mich schon ein überraschendes,  wundersames und wunderbares Erlebnis.

Die Gespräche mit den Fotografen waren einfach toll. Viele verschiedene Genres, viele verschiedene Herangehensweisen und viele verschiedene Ausrüstungen – und doch keinerlei Konkurrenz. Man sah sich die Vorträge seiner Mitstreiter an und sprach miteinander. Man lernte voneinander und ließ sich die Abenteuer, die man während des Fotografierens erlebt hatte, erzählen. Das Gefühl, in die Riege dieser tollen Fotografen und Menschen zu gehören hat mich sehr dankbar gemacht.

Lagen, eher untypisch für mich, aber man kann meine Ballkönigin ganz gut erkennen …

Um 15:00 Uhr war ich dann an der Reihe. Ich hatte mir so gar keine Gedanken gemacht und war eigentlich davon ausgegangen, dass ich nur für Fragen zur Verfügung stehen würde, wenn denn überhaupt Fragen aufkommen würden. Stattdessen stand ich auf einmal neben dem Flatscreen und erklärte meine Arbeit. Meine Tätigkeit als Lehrer war hier sicherlich von Vorteil, und so fühlte ich mich relativ schnell ziemlich wohl in meiner Rolle und habe irgendwann auch meine Komfortzone verlassen und über die tatsächlichen Hintergründe der Portraitserie und insbesondere der Serie “ich scheiß aufs Histogramm” gesprochen. Hat auch gar nicht weh getan …

Das Besprechen meiner Bilder mit den anwesenden Kollegen und Besuchern war wirklich ein absoluter Höhepunkt meiner Messerfahrung. Ich verzichte hier ‘mal ganz bewusst darauf, Namen zu nennen, denn ich habe Sorge, jemanden zu vergessen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die mich besonders berührt haben, dies auch gemerkt haben. Liebe Menschen, ich habe Euch sehr genossen.

… während des Walks …

Der Abschluss des Tages verlief ebenfalls auf ganz besondere Weise. Nach kurzem Überlegen ging es in ein linkes Szenelokal mit veganem Essen. Als langjähriger Ex-Vegetarier weiß ich natürlich, dass die vegetarische Küche durchaus schmackhaft ist, konnte es jedoch nicht lassen, ein paar kleine kritische Anmerkungen zu machen. Gemein? Ja, ein bisschen, aber der Abend war so schön. Zwölf liebe und gute Menschen an einem Tisch, an dem normalerweise acht Personen Platz gefunden hätten, vegetarische Burger und Maniok-Fritten und dazu viel gute Laune … ein würdiger Abschluss des Tages.

Am Samstag ging es neben der Zusammenkunft der PXP-Fotografen vornehmlich um das Präsentieren des Magazins. Wir haben hier, so glaube ich behaupten zu dürfen, gute Arbeit geleistet. Wir haben viele Gespräche geführt, Menschen angesprochen, sind angesprochen worden, und ich hätte einem der Manager von Ricoh beinahe sein ordnungsgemäß erworbenes Exemplar von Soul of Street Nr 19 wieder entrissen, weil ich glaubte, er hätte es, wie manch anderer, als Werbegeschenk betrachtet und mitgenommen. Mehr dazu im Blog auf www.soulofstreet.de

Samstag Abend war jeder platt. Ich hatte arbeitsbedingt nur zwei der vier Tage mitgewirkt, war aber wegen der vielen Eindrücke und Erlebnisse, und meiner Neigung zu ungesunden Schuhen völlig fertig. Irgendwann hieß es dann Abschied nehmen. Das ging recht schnell und unspektakulär, denn das Ende der Messe bedeutet den Beginn der Schicht für die Messebauer, und die sind rigoros. Wenn man irgendwo falsch steht, wird man wahrscheinlich mit entsorgt. Als SoS-Team haben wir noch zusammen eine leckere und große, mit Schinken (echtem) belegte Pizza gegessen und uns mitreißen lassen von den Eindrücken. Recht spät war ich dann irgendwann zuhause und habe die Erlebnisse nachklingen lassen … und dieses Nachklingen klingt noch immer.

An dieser Stelle möchte ich etwas zu meinem Equipment sagen. Ich hatte eigentlich vor, diesen Blog nicht mit technischen Fragen zu füllen, dazu gibt es genug andere Websites. Dennoch haben die Ereignisse der letzten Wochen zu einer Entwicklung geführt, die ich doch in aller Kürze beschreiben möchte. Aufgrund meines Wissens um meine Teilnahme an der Messe am Ricoh-Stand, habe ich mich in den letzten Wochen intensiv und ausschließlich mit der GRII beschäftigt. Viel mehr als vorher habe ich Knöpfe belegt, Einstellungen getestet und fotografiert. Meine Erfahrungen, und natürlich die emotional Bindung angesichts dessen, was mir im Zusammenhang mit der Guten widerfahren ist, haben sie auf einen unumstrittenen ersten Platz in meinem persönlichen Ranking meiner Lieblingskameras katapultiert. Ich mag meine Olympus noch immer, vor allem der Touchscreen und die Gesichtserkennung (gut für Portraits) machen sie zu meinem Platz zwei. Das kompakte Format jedoch, die multiple Bedienbarkeit und die Qualität der Bilder, die die GRII liefert, machen sie zu meiner Nummer eins … bis Anfang 2019, dann kommt nämlich die GRIII, mit höher auflösendem Sensor, noch kleinerem Gehäuse und … ja genau, mit Touchscreen. Ich bin wahnsinnig gespannt und kann es kaum erwarten, sie in den Händen zu halten … naja, den Dummy durfte ich ja schon anfassen …

… leaving the Photokina …

Der geneigte Leser verzeihe mir meine ungewohnte Aussprache für eine bestimmte Kamera, aber ich versuche hier immer, ein relativ offenes Buch zu sein, und für das, was ich tue, und für das, was ich erlebt habe, ist die GRII meine Ballkönigin.

Ich bin dankbar für diese Tage auf der Messe und für das, was ich als PxP-Fotograf und Ricoh-Ambassador (so wurde ich in einem Facebook-Post von Pentax genannt – klingt toll, oder?) noch erleben darf. Ich freue mich auf alles, was da noch kommen mag und schaue, glaube ich, einer spannenden fotografischen Zukunft entgegen. Meine fotografischen Wünsche für 2019? Vielleicht etwas früh im Oktober, aber ich würde gerne so schnell wie möglich die GRIII testen, vielleicht irgendwann eine kleine Ausstellung machen und alle Leute wiedersehen, die mir auf der Messe begegnet sind. Zum Ende des Beitrages vielleicht noch die kurze Bemerkung, dass ich zuhöre, und so schnell wie möglich diese Site überarbeiten werde, um meine Bilder stärker in den Vordergrund zu rücken.

Die nächsten Tage sind allerdings ziemlich voll. Morgen früh, sehr früh, mache ich mich auf den Weg in die Normandie, nicht alleine, sondern mit Schülern. Das wird eine tolle Reise, mit Zeit zum Fotografieren natürlich. Ich werde zu gegebener Zeit davon berichten.

Vielen Dank allen, die mein Erlebnis Photokina 2018 so großartig gemacht haben, auch ohne Namen zu nennen, Ihr wisst, wen ich meine …

Der Strassengeier

Fotografische Entwicklung

Von Vorfreude, von Selbsterkenntnissen, und von Idolen und Inspirationen  …

Rotterdam Centraal …

Ich muss heute einfach einmal meinen Gedanken freien Lauf lassen, um sie zu ordnen, denn um mein fotografisches Ich herum, vielmehr mit demselben geschehen im Moment viele, ganz unglaubliche Dinge. Nachdem ich im Januar dem Redaktionsteam von Soul of Street quasi als freier Mitarbeiter beitreten durfte, hatte ich bereits angenommen, mein fotografisches Jahr könnte kaum besser werden, schließlich treffe ich auf einmal Fotografen, die mir Vorbilder sind, interviewe meine Idole und schreibe Artikel für ein zwar noch kleines, aber einzigartiges und wichtiges Magazin … aber es kann noch besser! Davon, und von der Bedeutung dieser Entwicklung für mich als Mensch, will ich hier gerne berichten.

Mitzieher im Rotterdamer Regen …

Bisher hat meine Entwicklung als Streetfotograf eher auf unbewusster Ebene stattgefunden. Natürlich weiß ich, welche Art von Fotos ich mag, und ich bin mir der Einflüsse verschiedener Fotografen auf meine Arbeit bewusst. Jeder von uns hat seine Idole, und man kann sich kaum davon freimachen, dass diese Idole einen inspirierenden Einfluss auf unsere Bilder haben. Es geht nicht ums Kopieren bestimmter Vorbilder, sondern vielmehr darum, die Inspirationen zu seiner eigenen Mixtur zu verweben. Vor einiger Zeit hat einmal jemand zu mir gesagt, seinerzeit ging es allerdings um Musik, dass im Grunde alles schon da war, und dass es darum geht, vorhandene Elemente zu neuen Geschichten verschmelzen zu lassen. “Wenn Du klaust, dann klau von den Besten und mache Dein eigenes Ding daraus.”

Tunnel geht immer …

Das gilt so auch für die Fotografie. Natürlich ist der Augenblick, den wir festlegen, einzigartig, weil er so noch nie existent war und auch nicht wiederkommt. Das Drumherum, die Technik, das Zusammenspiel von Blende, Belichtungszeit und Iso, aber auch die (in meinem Fall knappe) Nachbearbeitung lassen eine Neuerfindung des Rades kaum zu. Ich finde es sehr interessant, darüber nachzudenken, wer mich beeinflusst, und was an der Arbeit des entsprechenden Fotografen so inspirierend ist. Das Wort ‘klauen’ würde ich dann auch eher durch das Wort ‘zitieren’ oder auch ‘interpretieren’ ersetzen, in der Literatur spricht man dann von Intertextualität, eine Hommage an bestimmte Autoren und deren Werke, mit der Zielsetzung, eine größere Verbindung zu schaffen.

… wer inspiriert mich denn da?

Mir war schon lange klar, dass mich die Serie “Einsamer Mensch” von Sebastian Schmidt gerade in meinen Anfängen als Streetfotograf sehr beeinflusst hat. Später hatte ich Kontakt mit Achim Katzberg, dessen graphische Arbeit, oft ebenfalls mit Einzelpersonen im Bild, sehr begeistert. In der letzten Zeit begegne ich auf Instagram fast täglich den Fotos von Alan Schaller aus London, der oft mit starken Kontrasten in schwarz/weiß arbeitet, was mich ebenfalls sehr beeindruckt. So ist es wohl kaum ein Wunder, dass mich diese drei Fotografen zu meiner Serie “High Contrast – ich scheiß auf’s Histogramm”, die ich im letzten Beitrag vorgestellt habe, inspiriert haben, zunächst eher unbewusst, aber aufgrund meiner intensiveren Beschäftigung mit meiner Motivtion, bestimmte Dinge fotografisch umzusetzen, inzwischen recht deutlich. All die Elemente, die ich an diesen drei Fotografen so schätze, versuche ich zu einem eigenen Mix zu verarbeiten, doch warum eigentlich?

Spiegelungen sind immer cool …

Diese Frage zu beantworten, ist eine Reise in mein Inneres, ein Bewusstwerden von Emotionen, unterbewussten Gedankengängen und ein augenöffnendes Zulassen ebenjener Emotionen und Gedanken.

Bisher hatte ich, wie gesagt, recht unbewusst, oder unüberlegt an meiner Serie “High Contrast” gearbeitet, das Warum war zweitrangig, die Serie hatte sich entwickelt und war automatisch gewachsen und in den Vordergrund meiner Arbeit gelangt. So war es zumindest bis vor einigen Tagen, als ich mit der Frage nach der Geschichte hinter der Serie, nach dem Gemeinsamen, dass die Bilder miteinander verbindet konfrontiert wurde. Neben meiner Anwesenheit als Redaktionsmitglied von Soul of Street am Messestand von Ricoh auf der diesjährigen Photokina in Köln, habe ich die Ehre, mich und meine Arbeit am Freitag den 28.09.2018 in einem Meet and Greet vorzustellen. Das ist für mich überraschend, denn ich zweifle immer sehr an dem, was ich tue und schaffe. Gleichzeitig fühle ich mich sehr geehrt und bestätigt in meiner viel belächelten Angewohnheit, immer eine Kamera dabei zu haben und ständig irgendwie mit dem Thema Streetfotografie beschäftigt zu sein. Der geneigte Leser kann sich meine Vorfreude auf diese wunderbare Gelegenheit sicherlich vorstellen.

… mit der Ricoh im Regen von Rotterdam …

Im Rahmen dieses Meet and Greets wurde ich aufgenommen in den Pool der PxP-Fotografen, in dem sich Pentax- und Ricoh-Fotografen tummeln, die mich stolz und ein bisschen still machen, dazu gehören zu dürfen. Auf der Website von Ricoh werde ich in einem Interview (https://pxp.ricoh-imaging.de/project/jens-von-ewald/)  vorgestellt, welches mich sehr dankbar macht, denn ich komme in diesem Interview sehr gut weg, und ich bin durch dieses Interview, das Jan Klose-Brüdern mit mir geführt hat, sehr nachdenklich geworden. Herr Klose-Brüdern hat mich mit gut gestellten Fragen dazu gebracht, auch für mich selbst zuzulassen, dass ich mich intensiver meiner Motivation zu den Serien “High Contrast” und “Gefragtes Portrait” öffne. Das war und ist durchaus spannend, denn das Resultat ist für mich inhaltlich nicht unbedingt neu, zeigt mir aber deutlich, welchen Mehrwert die Fotografie mit all ihren kreativen Möglichkeiten, mich auszudrücken, für mich hat.

… ziemlich allein …

In den genannten Serien geht es nicht nur um möglichst schöne Bilder, oft ist es das Machen der Bilder, das mir noch wichtiger ist, sondern insbesondere diese beiden Serien haben eine Art therapeutische Wirkung und spiegeln etwas wider, das mir offensichtlich fehlt. Meine Portraits sind offensichtlich meine Art, meine mir angeborenen Schüchternheit, die Angst vor dem Ansprechen fremder Menschen oder von Dingen, die mir nicht gefallen, zu bekämpfen und somit eigentlich das Gegenteil von dem, was meiner Natur entspricht. Im entsprechenden Beitrag habe ich bereits beschrieben, dass mir das Ansprechen der Menschen oft sehr schwerfällt, und welche Bedeutung diese Bilder für mich haben.

Noch extremer ist es bei der Serie “High Contrast – ich scheiß auf’s Histogramm”. Wo ich zunächst noch dachte, es ginge mir darum, gegen Regeln und Einschränkungen vorzugehen, etwas was mir sicher im rebellischen Blut liegt und ein Stück weit anerzogen ist, wird inzwischen mit jedem Tag deutlicher, dass meine Motivation für diese Serie viel tiefer liegt. Das dicke, teils abgesoffene Schwarz, die oft recht klein im Bild positionierte Person, und das grafisch strukturierte Element in dieser Serie sprechen Bände, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich ein ganz und gar chaotischer Geselle bin, den im Alltag eine gewisse Strukturlosigkeit auszeichnet, und der doch immer gesellig ‘rüberkommt … den Rest behalte ich für mich, bzw. überlasse ich dem interessierten Leser und Betrachter meiner Bilder. Das Interview zu lesen, ist auch eine gute Idee, wenn man mehr über den Geier wissen möchte.

Gefragtes Portrait in Rotterdam …

Ich war gestern in Rotterdam, um an einem Workshop von Fokko Muller teilzunehmen, den ich für mein erstes Soul of Street Interview an ebendieser Stelle getroffen hatte. Obwohl die Aufgaben, die die Teilnehmer zu erfüllen hatten, teilweise etwas ganz anderes forderten, war ich doch auf meine Serien fokussiert und habe einige grafische Bilder mit hohem Kontrast gemacht. ‘Gefragte Portraits’ war sogar eine der gestellten Aufgaben. Ich habe den Tag im Regen von Rotterdam mit der Ricoh genossen. Rotterdam ist für uns Streetfotografen sicher eine Reise wert, genauso, wie die Frage nach dem Hintergrund unserer Arbeit …

Der Straßengeier

High Contrast – ich scheiß’ aufs Histogramm

 

Von einer neuen Serie, von unangepasstem Sprachgebrauch und vom selbstfindungsbedingten Sprengen von Ketten …

 

Dem geneigten Leser ist keineswegs neu, dass ich Grenzen, Kästchendenken und Dogmas nicht viel abgewinnen kann, und ein Großteil meines Strebens, sowohl meine fotografische Arbeit, als auch meine Lebensführung betreffend, dem Verlegen des Ersten, dem Aufbrechen des Zweiten und dem Ignorieren des Letzteren gilt. Ich kann mir selten wirklich merken, was ich wann und wo genau gelesen habe, weshalb mir und meinen verbalen Ergüssen immer ein wenig der Zweifel der Belegbarkeit anhaftet. Trotzdem möchte ich kurz erwähnen, wie ich zu meiner Serie kam, die nämlich getriggert wurde durch die sinngemäße Aussage (wahrscheinlich bei Facebook), Silhouetten seien nicht mehr en vogue und eigentlich anspruchslos. Derartige Verallgemeinerungen lösen bei mir fast immer spontanes Aufbegehren aus, welches ich dann entweder in hitziger Diskussion, oder durch den Beweis des Gegenteils durch Aktivität zum Ausdruck bringe. Abgesehen davon hatte ich noch nie das Bedürfnis, en vogue zu sein, obwohl ich natürlich schon genieße, wenn meine kreativen Auswüchse möglichst viele Menschen berühren. Doch eigentlich wollte ich von meinem Projekt berichten …

Mein letzter Blogeintrag endet mit der Bemerkung, dass ich Kontraste mag, und ich habe schon früher erwähnt, dass ich dem Histogramm nicht viel abgewinnen kann. Natürlich ist es ein gutes Hilfsmittel, wenn es um perfekte Bilder geht, aber was ist schon perfekt? Wenn ich zuhause meinen Fernsehtisch anschaue, dann sind in dem Fach, wo der Receiver platziert ist, und zwischen den Kabeln ziemlich viele dunkle, ja sogar sehr dunkle Schatten. Diese Flächen sind aus Ermangelung von Licht ganz einfach schwarz, und auch, wenn ich mir dessen bewusst bin, dass sich die Maserung des Holzes, welches um die schwarzen Flächen herum zu sehen ist, fortführt, kann ich in den Schattenflächen keinerlei Struktur erkennen. Warum also sollte ich bei meinen Bildern so viel Wert darauf legen? Warum darf mein Schwarz nicht absaufen, und warum mein Weiß nicht ab und zu etwas ausgebrannt erscheinen? Aus diesem Grund entstand meine neue Serie, die ich provokanter Weise “High Contrast – ich scheiß‘ aufs Histogramm” genannt habe.

Herrlich unkonventionell, und auch wenn meine Wortwahl heutzutage eigentlich keine Sau mehr unruhig werden lässt, erfreue ich mich schon altersbedingt diebisch an dem unterschwelligen Gefühl geradezu revolutionärer Anmutung meines Projektnamens. Da wir von Soul of Street unser wunderbares Magazin auf der Photokina Ende des Monats am Stand von Ricoh vorstellen dürfen, und da ich am Messe-Freitag sogar ein eigenes “Meet and Greet” bekomme, habe ich kurzfristig daran gedacht, den Titel etwas eleganter zu formulieren. Mir schwebte so etwas vor, wie “High Contrast – das Histogramm wird überbewertet”, aber Horst, der unter anderem für das Layout des Magazins verantwortlich ist, fand, dass die etwas zurückhaltende Version des Projektnamens nicht meinem fotografischen Ich entspräche, und so bleibt es bei dem Titel.

Die Möglichkeit meines eigenen Meet and Greets hat mich nachdenklich gemacht. Eigentlich wollte ich mich hier im Blog nie allzu intensiv mit Equipment beschäftigen, und mich quälen ziemliche Selbstzweifel, ob meine Bilder tatsächlich auf einem Niveau sind, dass eine solch großartige Gelegenheit, meine Arbeit einem breiteren (Fach-)Publikum zu präsentieren, auch angemessen ist. Meine Zweifel zerstreue ich bewusst mit viel Freude und purer Begeisterung angesichts dieses Abenteuers auf der Messe, welches für mich einen riesigen Schritt bedeutet. Irgendjemand auf dieser Welt findet meine Bilder gut genug, das nehme ich einfach ‘mal so hin und genieße still – relativ still, denn still ist ja nicht wirklich ein Adjektiv, das mich gut beschreibt.

Zum Punkt Equipment will ich Folgendes sagen: ich habe eher schon angegeben, dass ich nicht auf ein bestimmtes Produkt fixiert bin. Im letzten Blogeintrag, in dem es um mein Portrait-Projekt ging, habe ich bereits angedeutet, dass ich sowohl die GRII von Ricoh, als auch meine Oly gerne mit dabei habe. Die Oly finde ich insbesondere bei den Portraits sehr angenehm, gerade in Kombination mit dem 45mm Objektiv. Ich werde hier auch keine reine Produktbesprechung machen, möchte aber doch etwas näher auf die Vorzüge der GRII eingehen, die ich in den letzten Wochen intensiver im Gebrauch habe.

Die GRII brauche ich als Kamera nicht mehr vorzustellen. Die technischen Daten, das Design und die Eignung für die Streetfotografie wurden schon ausreichend im Netz besprochen. Für mich sind zwei Dinge besonders erwähnenswert, wenn es um die kleine Ricoh geht. Ich liebe es, die Kleine immer bei mir zu haben, ohne, dass sie mich irgendwie behindert. Eine Kamera, wie die GRII kann man buchstäblich immer dabei haben. Darüber hinaus bietet die Kamera alles, was das Streeterherz begehrt, plus den Kreativ-Effekt “Hochkontrast S/W”, der mir beim Komponieren der Bilder für meine Serie sehr hilft. Zwar ist es für mich, manchmal etwas schwierig, gut zu erkennen, was auf dem Display zu sehen ist, zumindest, wenn ich meine Lesebrille nicht auf der Nase habe, jedoch gibt mir dieser Effekt schon im Vorfeld eine gute Ahnung, wie das Bild nach entsprechender Bearbeitung aussehen wird. Dementsprechend habe ich diesen Effekt vielfach vorgewählt, wenn es auf die Straße geht.

Ein weiterer Schritt über die Standardregeln der Fotografie heraus, ist meine Suche nach harten Schatten, die ich für mein Projekt benötige. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich das Brechen bekannter und gültiger Regeln als Stilmittel betrachte, welches nur bewusst angewandt seinen gewünschten Effekt erzielen kann. Damit will ich sagen, dass das Erlernen des fotografischen Regelwerks unabdingbar ist, denn nur Regeln, die ich kenne/beherrsche, kann ich auch bewusst brechen. Der harte Schatten wird von vielen Fotografen vermieden, weil er eine ausgewogene Beleuchtung des Motivs schwierig bis unmöglich macht. Gerade in der Streetfotografie finde ich harte Schatten sehr, sehr reizvoll. Ein Meister hierin ist beispielsweise Alan Schaller aus England, der großartige Bilder mit negativem, schwarzem Raum macht. Auch Hendrik Lohmann aus Düsseldorf hat diesbezüglich einige großartige Bilder in seinem Portfolio. Ich freue mich jedenfalls immer sehr, wenn die Sonne vom Himmel knallt, und obwohl ich definitiv ein Sommermensch bin, freue ich mich auf den bevorstehenden Herbst, wenn die Schatten mehr und länger werden.

Was sagt mein Projekt über mich aus? Im letzten Eintrag habe ich bereits geschrieben, dass mir mein Portraitprojekt hilft, Schwellen zu überschreiten, Ängste zu überwinden und Selbstbewusstsein zu stärken. Das neue Projekt hat ebenfalls mit mir zu tun, allerdings wurde mir das erst deutlich, als ich bewusst darüber nachzudenken begann. Natürlich liegt dem Ganzen meine Antipathie gegenüber Reglementierungen und der Wunsch danach, aus Käfigen auszubrechen zu Grunde, aber es geht tiefer, ist persönlicher. In hartem Kontrast, in harschem Schwarz/Weiß, steckt mehr von mir, als zunächst gedacht. Wenn ich nach extremen Lichtsituationen suche und in der Nachbearbeitung mein Schwarz manchmal regelrecht absaufen lasse, dann ist das der eine Teil von mir, den ich ‘rauslasse, der dunkle, manchmal betrübte, oft ängstliche und sehr nachdenklich Teil. Wenn es hell wird, manchmal gar ein wenig ausgefressen, dann ist es das Gegenteil, dann kommt der oft enorm fröhliche Teil, der von überschwänglichen Emotionen geprägt ist. Ich werde den Teufel tun und meine Psyche hier offenbaren, aber ich denke, dass beide Seiten in jedem von uns stecken, bei manchen weniger stark ausgeprägt, bei manchen kontrollierter, bei mir meist durchaus ausufernd … und wer weiß schon, warum ich dazu neige, eher mein Schwarz absaufen zu lassen, als das Weiß echt auszubrennen.

Ich scheiß’ also momentan oft und gerne auf das Histogramm und habe damit etwas gefunden, das mir Momente der Erkenntnis beschert. Wenn dem Betrachter diese Bilder gefallen, dann freut mich das umso mehr. Ich habe oft das Gefühl, mich kaum konsequent einer bestimmten Serie widmen zu können, Hauptargument ist für mich, dass ich dann Angst habe, die anderen interessanten Dinge zu übersehen, wenn ich mich auf eine bestimmte (Licht-)Situation fokussiere. Im Moment laufen bei mir gleich zwei Serien … unerwartet und doch angenehm. Ich hoffe, meine Entwicklung schreitet dabei voran, und ja, ich freue mich auf die Messe, und irgendwann auf meine erste eigene Ausstellung. Wie war das noch? In jedem kreativen Menschen steckt auch ein kleiner Exhibitionist, und wer will seine Arbeit nicht präsentieren?

Der Straßengeier

Das gefragte Portrait

Vom Springen über Schatten, von überraschender Offenheit, vom Warum, vom Wie und vom Was …

Camden Market, London

Ich hatte kürzlich ein ganz wunderbares Erlebnis mit einer Gruppe Obdachloser und Straßenmusikanten, das sehr lustig und inspirierend war. Dieses Erlebnis und das gute Gefühl, dass sich einstellt, wenn ich an meinem gegenwärtig wichtigsten Projekt arbeite, nehme ich zum Anlass, mir endlich wieder einmal die Zeit zu nehmen, und einen neuen Blogeintrag zu schreiben. Mein Projekt dreht sich seit einigen Monaten immer mehr um das gefragte Portrait, will sagen um Streetportraits, die nicht candid sind, sondern um die ich gebeten habe, was das Portrait letztlich doch spontan macht, denn die Menschen, die ich portraitiere, haben keine Möglichkeit, sich vorzubereiten. Im Folgenden geht es um das Warum, das Wie und das Was meines Projekts …

… im vollen Ornat …

Ich beginnen mit dem Warum und begebe mich dabei schreibend auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, denn im Gespräch mit der- oder demjenigen, den man gerne portraitieren möchte, ist gerade diese Frage argumentativ sehr interessant. Natürlich ist die erste Annäherung immer das Vorstellen meiner Person und meines Projektes, welches beinhaltet, dass ich eben Fremde auf der Straße anspreche und um ein Portrait bitte. Oft kommt dann die Frage nach dem Warum, und das ist schwierig zu beantworten, denn ich möchte weder schwammig noch allzu pathetisch ‘rüberkommen.

Tatsache ist, dass mich manche Menschen auf der Straße triggern. Sie haben etwas, das andere nicht haben. Was es genau ist, kann ich auch nach langem Grübeln nicht genau sagen. Über diese Frage habe ich mich auch mit Dieter Wunderlich unterhalten, das Interview ist im nächsten Soul of Street zu lesen, und ohne viel vorwegzunehmen (spoilern sagt man heute wohl), zu einer eindeutigen Antwort sind wir nicht gekommen. Es ist pures Bauchgefühl, abhängig von der Laune des Tages. Belassen wir es dabei. Viel interessanter ist doch, warum Portraits? Lange hielt ich Portraits, und ich meine damit gefragte Portraits, gar nicht für echte Streetfotografie, wo es doch darum gehen soll, das tägliche Leben abzubilden, ich hielt sie schlicht für nicht spontan/candid genug.

Canterbury, ich mag starke Kontraste und auch Schlagschatten …

Wer mich kennt, der weiß, dass ich Dogmen noch nie etwas abgewinnen konnte, und es war für mich eine logische Entwicklung, mich auch dieser Spielart der Streetfotografie einmal anzunehmen. Man könnte meinen, dass die neue DSVGO hier eine Rolle spielt, und das möchte ich nicht völlig ausschließen. Ein Portrait mit Zustimmung der portraitierten Person ist wohl kaum illegal. Letztlich sind es jedoch die Liebe zum Menschen (Achtung Pathos) und die Neugier, wer mir denn da nun schon wieder aufgefallen ist (Achtung Schwammigkeit), die mein Projekt vorantreiben. Dazu kommt ein gewisses Kribbeln, über seinen Schatten zu springen und auch wirklich zu fragen.

Straßenmusikant

Ich komme hier kurz zurück auf die Einleitung, in der ich die Obdachlosen und Musikanten erwähnte. Letzte Woche schlenderte ich durch Kleve und hatte ein Inspirationsproblem. Ich war müde und etwas down, was mir am Anfang meiner Ferien immer passiert. Ich brauche immer ein paar Tage … wenn der Arbeitsdruck von mir abfällt, kann es sein, dass ich Kopfschmerzen kriege, oder eine Erkältung, ich fühle mich dann oft ausgelaugt. Das führte zu einer Stimmung, in der ich nicht wirklich jemanden sah, der unbedingt Teil meines Projektes ausmachen musste. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mehrere Obdachlose und Musiker auf einer Treppe sah. Mensch, dachte ich, da sind ein paar beeindruckende Gesichter bei, Gesichter, die etwas erzählen können. Die wollte ich gerne fotografieren.

Der Schatten, über den ich springen musste, war besonders hoch, denn ich wusste nicht, wie man auf mein Anliegen reagieren würde. Außerdem fragte ich mich, ob die Herrschaften nicht möglicherweise Sensationslüsternheit hinter meiner Frage vermuten könnten, so nach dem Motto: Du willst uns ja nur als Randgruppe fotografieren. Für mich selbst ist deutlich, dass das sicher nicht der Wahrheit entspricht. Wenn mich ein Mensch triggert, ich sein Konterfei festhalten will, dann ist es mir völlig egal, ob es sich um Ärzte, Kaufleute, Handwerker oder eben Obdachlose handelt. Mich interessiert in dem Moment der Mensch, der da steht. Auf die Stirn geschrieben steht mir das allerdings nicht. Nach drei Anläufen habe ich es gewagt und habe meine Models angesprochen … und siehe da, es war herrlich. Sie waren von meinem Projekt begeistert, sie spürten meinen Respekt und ihnen gefielen die Bilder, die ich ihnen zeigen konnte (Smartphone nicht vergessen!). Einige von Ihnen ließen sich gerne fotografieren, einer setzte selbst seinen Rucksack auf „wenn, dann im vollen Ornat“. Kein Hauch von Unsicherheit, im Gegenteil, Stolz war es, den ich da erfuhr.

Porky

Die Krönung allerdings war Porky, der für mich posierte, dass es eine wahre Pracht war. Ein humorvoller, im positiven Sinne abgedrehter Typ, ein echtes Original. Teilweise war er so schnell, dass ich gar nicht hinterher kam. Ich habe einiges von ihm erfahren, eine wertvolle Begegnung. Sollte er je in die Verlegenheit kommen, dies zu lesen, dann hoffe ich sehr, dass ihm die Bilder gefallen.

… eine kurze, aber wertvolle Begegnung …

Es sind sicher auch die kurzen Begegnungen, die eine Antwort auf mein Warum sind. Dennoch lasse ich gerne die Bilder für sich sprechen, ohne viel, darüber zu erzählen, wen ich da portraitiert habe, hoffend, dass das jeweilige Bild den Betrachter auch triggert.

Ein Wenig kam auch das Wie bereits zur Sprache. Ich brauche oft einen Moment oder zwei (oder mehrere), bevor ich die Menschen anspreche. Sicherlich ist das eine Frage der Übung, denn je öfter ich es tue, desto einfacher wird es, zumal ich tatsächlich kaum negative Antworten bekomme. Viele Menschen genießen es sogar regelrecht, dass sie mir aufgefallen sind. Andere wollen wissen warum ich sie fotografieren will und fragen, was mit ihrem Bild passiert. Das ist schon ‘mal fast ein Ja, und ich habe immer Visitenkärtchen dabei, wo sie Kontakt aufnehmen können. Wer mir eine Mail schickt, der bekommt natürlich sein Bild zugesandt. Das Smartphone habe ich bereits erwähnt, es ist gut und überzeugend, wenn man ein paar seiner bisherigen Arbeiten zeigen kann.

Ich habe einige Portraits mit der Ricoh GRii gemacht, bevorzuge aber für die Portraits meine Olympus OMD EM 10ii mit montierter 45 mm f1,8 Festbrennweite. Das entspricht 90mm bei Vollformat und ist für Street sicherlich recht lang, für Portraits aber sehr geeignet, wie ich finde, gerade, weil ich gerne das Close-Up mache, mich also wirklich auf das Gesicht konzentriere. Außerdem mag ich bei Portraits das Format des Micro-Four-Third-Sensors der Olympus, 4:3, sehr. Ich fotografiere mit Blendenautomatik, die ich meist auf f4,0 einstelle. Den Rest macht die Kamera, die kann so viel, lass die ‘mal machen.

Aber was bringt mir mein Projekt eigentlich? Das ist natürlich stark verknüpft mit dem Warum, es geht um Kennenlernen, um Grenzen verlegen und um Freude am Portraitieren. Ich interpretiere den Begriff Portrait nicht nur als Ablichten eines Gesichtes, sondern als den Versuch, die Persönlichkeit hinter dem Gesicht einzufangen und meine eigene auszudrücken. Ein Portrait ist immer auch das des Fotografen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass gefragte Portraits zur Zeit eine Modeerscheinung sind und somit etwas an Originalität verlieren. Ich versuche jedoch nicht mitzuschwimmen, sondern meine Art, mein Verständnis und meinen Stil zu entwickeln. Hierbei ziele ich auf die Auswahl meiner Models und die Bearbeitung der Bilder. Ich mag viel Kontrast … was auch immer das über mich aussagt 😉

Der Straßengeier

DSGVO

Vom 25. Mai 2018, von Sorgen wegen neuer Datenschutzrichtlinien, von Kanonen, mit denen auf Spatzen geschossen wird und von Schlüssen, die der Autor dieser Zeilen aus der unangenehmen Situation zieht …

Eigentlich bin ich kein Fan von Artikeln über rechtliche Fragen, aber die neue Datenschutz Grundverordnung, die am 25. Mai in Kraft tritt, wirft viele Fragen auf, mit denen man sich als Streetfotograf auseinandersetzen muss, denn der Wortlaut dieser neuen, EU-weit geltenden, und der Mangel an zeitnaher Reaktion seitens der Politik ergeben eine undeutliche und sehr unangenehme Situation für alle Fotografen, nicht nur für uns Streeter. Deshalb jetzt der zweite Post hintereinander, der sich mit rechtlichen Fragen beschäftigt.

Bevor ich beginne, bitte ich zu bedenken, dass ich noch immer kein Jurist bin, und die hier zu lesenden Zeilen lediglich auf Recherche und meiner Interpretation der gefundenen Informationen beruhen.

Zunächst einmal zum Datenschutz an sich. In Zeiten von Datenklau durch Facebook und allerlei andere Betriebe, und der darauf basierten Beeinflussung von Wählern (egal ob Präsidentenwahl in den USA oder Brexit-Votum in Großbritannien), ist ein Gesetz, dass es jedem einzelnen von uns möglich macht, den Fluss seiner persönlichen Daten zu kontrollieren, überfällig. Auch, wenn ich oft und gerne sage, dass jeder selbst dafür verantwortlich ist, welche seiner persönlichen Informationen er oder sie den Datenkraken zur Verfügung stellt, muss ich mir selbst zugestehen, dass es sicher viele Menschen gibt, die dem Tempo der Entwicklung nicht standhalten können, oder aber ganz einfach nicht über die nötige Übersicht verfügen, was da im Netz eigentlich mit den Daten alles geschieht. Was mir logisch erscheint, ist dem anderen vielleicht völlig fremd. Kurzum, ich begrüße den Schritt hin zu einer Regelung, die den Menschen die Entscheidungsmacht über ihre Daten weitestgehend zurückgibt, absolut.

Was aber macht mir dann Sorgen, warum schreibe ich einen Artikel über rechtliche Fragen, während es mich in den Fingern juckt, etwas über meine aktuelle Portraitserie zu schreiben? Nun, die neue DSGVO ist so undurchdacht und so übertrieben, dass sie auf der einen Seite nur schwer durchsetzbar sein wird, während sie auf der anderen Seite, und das ist der eigentliche Punkt, die DSGVO Nebenwirkungen hat, die im Bereich der Fotografie, wenn sie im Wortlaut befolgt würde, selbst Berufsfotografen vor große Probleme stellen könnte.

Die DSGVO regelt das Sammeln, Speichern und Verarbeiten von Daten Dritter. Hierbei ist die Regelung in allen Belangen außerordentlich streng, die entsprechenden Strafen empfindlich (es ist die Rede von bis zu 20 Mio Euro, bzw 4% des Jahresgewinns bei Berufsfotografen) und auf den ersten Blick eindeutig, aber nur auf den ersten Blick, denn es bleiben wieder viele Fragen offen.

Das große Problem für uns Fotografen ist die Definition des Fotos in der DSGVO. Im Gegensatz zu analog aufgenommenen Bildern, enthalten digitale Fotos weitere Informationen in den EXIF-Dateien. Hier kann man beispielsweise erkennen, wann das Bild gemacht wurde, wenn das GPS eingeschaltet ist, auch wo. Das sind bereits Daten, die nach der neuen Verordnung nicht ohne ausdrückliche (am besten schriftliche) Genehmigung der fotografierten Person gesammelt werden dürfen. Außerdem wird anhand des Bildes deutlich, welche modischen Vorlieben sie hat, welcher ethnischen Gruppe sie angehört und mit welchen anderen Personen sie unterwegs war. Dafür braucht die entsprechende Person nicht einmal im Bild zu sein. Es reicht schon, wenn ein eindeutig mit der Person in Verbindung zu bringender Gegenstand, eine entsprechende Begleitung sichtbar ist. Nehmen wir zum Beispiel ein Bild, aus dem jemand herausläuft, dessen Rucksack noch so gerade im Bild ist. Wenn dieser Rucksack eindeutig zuzuordnen ist, sammelt der Fotograf bereits Informationen, für die er laut DSGVO eine Einwilligung braucht.

Klingt wie gigantischer Unsinn? Ja, finde ich auch, entspricht aber meinen Informationen nach dem Wortlaut der Verordnung. Eine explizite schriftliche Einwilligung des abgebildeten Menschen bedeutet übrigens nicht automatisch, dass der Fotograf sich auf der sicheren Seite befindet, die Einwilligung kann nachträglich und ohne Angabe von Gründen zurückgezogen werden.

Sollte diese Verordnung so durchgezogen werden, bedeutet sie de facto den Tod der Eventfotografie, der Hochzeitsfotografie, der Sportfotografie und, und, und … Nehmen wir da Beispiel Hochzeitsfotografie. Das Brautpaar hat vorher vertraglich seine Zustimmung gegeben, dass es fotografiert werden darf. Logisch, denn sonst gibt es ja keine Fotos vom schönsten Tag des Lebens. Theoretisch müsste der Fotograf jetzt von jedem Hochzeitsgast, auch von denen, die vielleicht gar nicht an den Festlichkeiten teilnehmen, sondern nur kurz zum Standesamt kommen, um zu gratulieren, eine schriftliche Einwilligung fordern, dass er die Menschen fotografieren darf, wenn auch nur versehentlich im Hintergrund.

Wenn man die neue DSGVO ganz wörtlich nimmt, ist die digitale Fotografie damit quasi tot.

Anders beispielsweise in Schweden. Die Politiker in Schweden haben sich noch vor der Einführung der bereits zwei Jahre alten Verordnung mit selbiger auseinandergesetzt und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie die in der Verordnung vorgesehenen Einschränkungen, die die Länder vornehmen dürfen, in Anspruch nehmen und haben die Fotografie explizit aus der Regelung herausgenommen. Hier in Deutschland existiert leider eine Kultur des Weitergebens solcher Regelungen und der mit ihr verbundenen möglichen Probleme an die Gerichte. Das bedeutet wahrscheinlich jahrelange Verfahren und Streitereien vor Gericht, bis diesem irgendwann Unsinn Einhalt geboten wird.

Laut der Meinung verschiedener Experten, wird letztlich noch immer im Einzelfall entschieden werden müssen, denn die Kunstfreiheit als Recht wurde, wie im vorhergehenden Artikel bereits beschrieben, soeben vom BVG im Bezug auf die Streetfotografie bestärkt und findet sich auch in der neuen DSGVO wieder.

Ich für meinen Teil ziehe hier die folgenden Schlüsse: ich mache weiter, wie bisher. Respekt vor den Menschen ist sowieso Teil meiner Haltung. Aus zwei Gründen mag ich mich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Ich halte die neue DSGVO in ihrem kompletten Umfang für nicht durchführbar. Die Person, die im Urlaub am linken Bildrand ins Bild läuft, während ich den schiefen Turm von Pisa fotografiere (versuch‘ da einmal, Bilder zu machen, auf denen keine Menschen zu sehen sind) darf nicht mit auf’s Bild, weil ich dann ja Daten über sie und von ihr sammele. Ja, ich kann das bei Photoshop wegstempeln, aber gesammelt habe ich die Daten doch.

Ich schätze den Wert und die früher bereits beschriebene Notwendigkeit der Streetfotografie für Kunst und Geschichte zu hoch ein, als dass ich sie aufgeben möchte. Ich werde allerdings mein Projekt mit den gefragten Streetportraits vorantreiben. Ich finde dieses Projekt unglaublich interessant, und es gibt mir ein (etwas) sichereres Gefühl. Im nächsten Artikel werde ich mich dann auch mit meinen Portraits beschäftigen, versprochen.

Wir Streetfotografen müssen uns immer dessen bewusst sein, dass wir uns auf ein Recht berufen (Kunstfreiheit), dass im Zweifelsfall gegenüber dem Persönlichkeitsrecht abgewogen werden muss. Tatsache ist, dass wir uns dem Wortlaut der neuen DSGVO nach ab dem 25 Mai auf sehr dünnem Eis bewegen und warten müssen, bis entsprechende Anpassungen in der Verordnung gemacht werden.

Abschließend sei noch einmal darauf hingewiesen, dass ich kein Experte bin. Die hier formulierten Aussagen entspringen meiner Recherche und meiner persönlichen Interpretation der erlangten Informationen. Ein jeder kann sich selbst ein Bild machen und entscheiden, wie er/sie auf die neue DSGVO reagieren möchte.

Der Straßengeier

 

 

 

Kunst vs Persönlichkeit

Von der Kunstfreiheit, vom Persönlichkeitsrecht und von der rechtlichen Grauzone Streetfotografie …

2013 gab es in Berlin eine Open-Air-Ausstellung mit dem Titel “Ostkreuz: Westwärts. Neue Sicht auf Charlottenburg”, in der Fotos von mehreren Fotografen an einer stark frequentierten Straße ausgestellt waren. Eines dieser Fotos zeigte eine Frau, gekleidet in einen Mantel mit Schlangenmuster, die die Straße überquert. Die Dame nimmt etwa ein Drittel des Bildes ein und ist gut zu erkennen. Sie trägt Plastiktüten und eine Handtasche, im Hintergrund sind Gebäude zu sehen, darunter eine Pfandleihe. Die Frau scheint in Richtung Kamera zu schauen. Wie bei vielen Streetfotos wurde die Dame weder gefragt, ob sie fotografiert werden wolle, noch wurde ihr Einverständnis für eine Publikation in besagter Ausstellung angefragt. Die Dame sah ihr Bild in der Ausstellung und klagte auf Unterlassung und Schadenersatz, da sie sich unvorteilhaft in Szene gesetzt fühlte, und da das Pfandhaus im Hintergrund den Eindruck erwecken könnte, sie sei von da gekommen. Der Fotograf unterzeichnete eine Unterlassungsvereinbarung, das Bild wurde entfernt, und ihm wurde auferlegt, die Gerichtskosten der Frau zu tragen. Die Notwendigkeit des Schadenersatzes sah das Gericht allerdings nicht.

Der Fotograf hat den Fall als Verfassungsklage bis vor das Bundesverfassungsgericht getragen, das jetzt ein Urteil gefällt hat, welches uns Straßenfotografen nicht wirklich deutlicher macht, wann wir nun tatsächlich illegal, wann in einer rechtlichen Grauzonen und wann völlig legal unterwegs sind. Im Folgenden will ich versuchen, das Urteil zu deuten, um nicht zuletzt für mich selbst etwas mehr Deutlichkeit zu schaffen.

Vorher gefragt …

Vorab sei erwähnt, dass ich im Grunde über keinerlei juristisches Fachwissen verfüge, und dass meine Interpretation auf der Begründung des Bundesverfassungsgerichtes beruht, den Fall nicht zur Verhandlung zuzulassen. Weiterhin habe ich mehrere juristsche Webseiten zu Rate gezogen und versucht, meinen Verstand zu gebrauchen, um zu verstehen, was das Urteil nun für und Streetfotografen bedeutet.

Das Bundesverfassungsgericht hat also entschieden, den Fall nicht zur Verhandlung zuzulassen und in seiner Begründung drei Dinge benannt, die mir sehr wichtig erscheinen, um zu dem Schluss zu kommen, dass sich nicht viel verändert hat, aber das Wenige, das tatsächlich erwähnt wird, durchaus positiv gewertet werden kann.

Zum einen hat das Bundesverfassungsgericht deutlich gemacht, dass die Kunstfreiheit nicht automatisch über dem Persönlichkeitsrecht steht. Das ist jedoch keine Neuigkeit. Neu hingegen ist, dass in der Begründung die Streetfotografie ganz eindeutig als Kunst anerkannt wird. Hieraus ergibt sich die Gewissheit, dass nicht jedes auf der Straße aufgenommene Bild lediglich eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts der abgebildeten Person(en) beinhaltet, sondern durchaus ein Anspruch auf das Recht der Kunstfreiheit besteht. Es gibt also kein allgemeingültiges Urteil, sondern es bleibt dabei, dass im Einzelfall entschieden werden muss. Auch das ist nicht wirklich neu, aber die explizite Anerkennung der Straßenfotografie als Kunst stärkt mich in meiner Position und Haltung.

… das war ein sehr bereicherndes Gespräch …

Zum anderen wird im Urteil genannt, dass es in erster Linie um die Größe und die Platzierung des umstrittenen Bildes ging, nicht um die Tatsache, dass die Aufnahme ausgestellt wurde. Das Bundesverfassungsgericht weist ausdrücklich darauf hin, dass jenes Foto nicht in einer Kunstausstellung innerhalb einer Galerie präsentiert wurde, sondern in recht großer Ausführung unter freiem Himmel an einer stark frequentierten Straße, was den Schluss zulässt, dass eine kleinere Präsentation, oder aber eine Präsentation im Rahmen einer Ausstellung in geschlossenen Räumen, oder an einem weniger stark besuchten Platz, oder eine Kombination dieser Dinge legitim gewesen wäre.

Der dritte Punkt, der dazu geführt hat, dass es in diesem Fall keine Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht geben wird, ist die Tatsache, dass die klagende Dame sehr prominent und gut erkennbar abgebildet ist, sie macht ein Drittel des Bildes aus. Es ergibt sich die Frage, ob eine weniger große Abbildung auch weniger Verletzung des Persönlichkeitsrechts bedeutet hätte. Hier ergeben sich Möglichkeiten in der Bildkomposition, die jeder für sich einmal überprüfen sollte.

Natürlich ist meine Interpretation perspektivisch verzerrt. Ich bin Streetfotograf und suche in der Begründung des Gerichts nach Argumenten für die Streetfotografie. Es ist auch schade, dass es kein eindeutiges Urteil in unserem Sinne gibt, wobei ich zugeben muss, dass dies auch nicht wirklich erwartet hatte.

Inzwischen hat sich auch der Fotograf zu Wort gemeldet und eine Stellungnahme seines Anwalts veröffentlicht, die mich in meiner Interpretation bestätigt.

… es stellte sich heraus, dass sie den gleichen Beruf hatte, den ich auch ausübe  …

Die rechtliche Lage bleibt nach meiner Interpretation durchaus undeutlich. In vielen anderen Ländern geht man wesentlich entspannter mit dem Thema um, vielleicht auch deshalb, weil man in Deutschland in Bezug auf Persönlichkeitsrecht und Privacy inzwischen ziemlich paranoid geworden ist. Man riskiert den totalen Datenverlust in den sozialen Medien, empfindet ein künstlerisch wertvolles Bild aber als Angriff auf das Persönlichkeitsrecht. Das ist bei allem Verständnis für die Ängste der Menschen, zumindest ansatzweise schizophren.

Wenn ich angesprochen werde, erkläre ich, was ich tue und bisher bin ich erst einmal gebeten worden, ein Bild zu löschen. Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich mich nicht schlecht fühlte bei dem Gedanken, jemanden zu fotografieren, der möglicherweise mit seiner Freundin statt mit seiner Frau Hand in Hand durch die Stadt schlendert … ich habe geantwortet, dass derjenige, der sich da schlecht fühlen sollte, wohl nicht der Fotograf sein sollte.

Das wichtigste “Gesetz” in der Streetfotografie bleibt für mich der Respekt vor dem Menschen. Das Ausnutzen von Hilflosigkeit oder das Präsentieren von Menschen in kompromittierenden Situationen nur zum Zwecke der Erhöhung der Anzahl meiner Likes kommt für mich nicht in Frage.

… 50 Cent für die Musikantenkasse 😉 …

Nach anfänglichem Zögern spielen Streetportraits nun doch mehr und mehr eine Rolle in meiner Arbeit. Sicherlich spielt das ganze Hin-und-Her rund um die Frage “darf das?” hierin eine kleine Rolle. Letztlich begeistere ich mich aber ganz einfach stärker für das gefragte Portrait.  Das Ansprechen von Fremden, sie zu fragen, ob man ein Foto machen darf, ist spannend und sehr interessant, denn ab und zu kommt man ins Gespräch mit seinem Model, und das kann sehr bereichernd sein, manchmal geht es dabei sogar um das Thema Streetfotografie, und siehe da, viele finden das Genre gar nicht so schlimm.

Der Straßengeier

Drei-Punkte-Plan

Von Inspiration, von der fotografischen Persönlichkeit und vom Mehrwert des persönlichen Kontakts …

Für jeden, der sich kreativ beschäftigt, der etwas erschafft, stellt sich irgendwann die Frage nach dem eigenen Stil. Man möchte nicht nur schaffen, sondern man möchte so schaffen, dass man erkannt wird. Es gibt nur wenige Künstler, die einen derartig einzigartigen Stil entwickeln konnten, dass man sie immer erkennt, jedoch gibt es so einige Streetfotografen, die herausstechen, die einen hohen Wiedererkennungswert haben, die einen bestimmten Stil prägen. Wie kommt man an seinen Stil? Muss man dafür andere imitieren? Muss man gar Ideen klauen? Auf diese Fragen will ich in diesem Beitrag näher eingehen.

Zunächst einmal kann vorab gesagt werden, dass das Imitieren eines anderen Fotografen sicherlich nicht automatisch zu einem eigenen Stil führt, die Suche nach der Essenz in der Arbeit eines Vorbilds aber großen Wert hat, wenn man im Begriff ist, seiner eigenen fotografischen Persönlichkeit auf den Grund zu gehen. Das gilt auch fürs Klauen, wobei man den Begriff an und für sich eher vorsichtig interpretieren sollte. Irgendwann hat ‘mal jemand zu mir gesagt: “wenn Du klaust, dann klau bei den Besten!”. Damals bezog sich das noch auf Musik, hat aber in der Fotografie genauso seine Berechtigung, wie in der Kunst im Allgemeinen.

Formulieren wir es so: Es gibt nichts, was nicht schon einmal dagewesen wäre. Die Kunst ist es, eine neue Kombination der Inhalte zu erschaffen und diese mit seinem eigenen Stempel zu versehen. Kürzlich habe ich irgendwo einen Kommentar gelesen zu einem Foto, auf dem eine einzelne Person als Silhouette am Ende eines Tunnels abgebildet war. Der Kommentar  besagte sinngemäß, dass Tunnelfotos doch ein ziemlich oft gezeigtes Klischee darstellen und im Grunde nichts neues mehr zu bieten hätten. In dieser Aussage liegt ein Kern Wahrheit, und doch ist es letztlich Geschmacksache, wenn man Tunnelbilder mag. Ob man damit auf dem Wege ist, seinen Stil zu entwickeln, bleibt tatsächlich offen. Ich bin mir allerdings sicher, dass es kaum einen Streetfotografen gibt, der nicht Tunnelbilder in seinem Portfolio hatte oder noch hat.

Mir persönlich helfen bei meiner Entwicklung drei Dinge. Ich schaue mir erstens oft und intensiv Bilder von bekannten Streetfotografen an. Wie bauen die Großen, ihre Bilder auf? Welche Regeln befolgen oder brechen sie? Wenn es um aktuelle Fotografen geht, dann suche ich nach Tutorials von ihnen, um mir anzuschauen, welche Technik, welche Herangehensweise und welche Workflows (am Rechner, aber auch auf der Straße) sie nutzen. Wenn mir die Bilder von Kollegen gut gefallen, dann will ich wissen, was sie genau machen. Mit dem neuerworbenen Wissen gehe ich dann auf die Straße und fotografiere, was das Zeug hält. Es geht dabei allerdings (zumindest für mich) nie um Namen, sondern um Arbeiten, die mir zusagen. Oft ist es so, dass mir die Menschen, deren Bilder ich besonders mag, auch gefallen. Ich bin jedoch kein Freund von Trends. Der Trend, Menschen „anzublitzen“, zieht zum Beispiel an mir vorüber. Sicherlich gibt es tolle Bilder dabei, aber das Gros der so entstandenen Fotos spricht mich weniger an. Glücklicherweise sind die Geschmäcker verschieden, denn sonst hätten wir nur noch blitzende Fotografen auf der Straße. Der erste Punkt, den ich für meine Entwicklung nutze, ist also das Studium derer, die mir mit ihrer Arbeit zusagen.

Der zweite Ansatz, den ich zu verfolgen versuche, ist schwieriger. Das Betrachten der eigenen Bilder mit konsequenter Qualitätskontrolle. Zwei Dinge machen diesen Punkt so schwer. Auf der einen Seite ist es natürlich nicht einfach, die Qualität seiner Aufnahmen zu kontrollieren, wenn man noch gar nicht so genau weiß, wo einen die stilsuchende Reise hinführt. Die persönlichen Qualitätsansprüche sind also durchaus wechselnd auf dem Weg zur fotografischen Persönlichkeit. Auf der anderen Seite möchte ich auf die Aussage vieler Streetfotografen hinweisen, die einhellig angeben, dass ihr Ausschuss sehr hoch ist. Es ist keine Seltenheit, dass gute Fotografen 90% oder mehr ihrer Streetfotos gar nicht erst bearbeiten, da der Augenblick des Auslösens einen anderen Eindruck hinterließ als die Abbildung, die man gemacht hat. Diese Konsequenz sich selbst gegenüber will geübt sein. Ich komme so oft mit übervollen Speicherkarten von Walks, Touren oder Wochenenden zurück. Dann am Rechner die Spreu vom Weizen zu trennen, ist schwierig. Ein gewisses Selbstbewusstsein ist dabei vorteilhaft, denn manchmal hat man eine Idee, eine Art und Weise, die einen als Künstler ausmacht, die aber noch nicht akzeptiert ist. Man darf sich ruhig einmal selbstbewusst den Kritikern entgegenstellen, solange man den richtigen Argumenten gegenüber offen bleibt.

Eine gute Übung ist es, sich nach einem Ausflug für ein Foto des Tages zu entscheiden. Ein einziges Bild, keine zwei, nur ein einziges … gar nicht so einfach. Also konsequente Qualitätskontrolle als zweiter Punkt.

Der dritte und mir liebste Aspekt, den ich regelmäßig genieße, ist das persönliche Gespräch. Nichts ist inspirierender, als die Unterhaltung mit Gleichgesinnten, vor allem dann, wenn ich von ihnen lernen kann, weil ihr Portfolio mich anspricht. Oft lerne ich solche Menschen auf den Walks in Köln kennen, die ich nicht missen möchte. Hier trifft sich ein bunter Mix von Fotografen, die die Streetfotografie probieren wollen, sie schon länger betreiben, oder die Größen in diesem Genre sind. Manchmal ergibt sich die Gelegenheit, mit ebenjenen Größen einen Teil des Walks im Gespräch zu begehen, manchmal treffe ich sie auch einfach so. Diese Begegnungen sind so wertvoll für mich. Hier lerne ich und lasse mich inspirieren. Imitation und ein kleines Bisschen Klauen bringt mich so viel weiter, als der Versuch, das Rad neu zu erfinden. Das persönliche Gespräch als dritter, als wichtigster Punkt.

In den letzten Wochen hatte ich das Vergnügen, mit drei Fotografen sprechen und fotografieren zu können. Dabei sind völlig unterschiedliche Facetten der Streetfotografie zur Sprache und Ausführung gekommen, ich möchte kurz schildern, wie ich von den entsprechenden Kollegen lerne.

Mit Ralf Scherer war ich in Rotterdam und habe viel erfahren über sein Erfolgsjahr 2017. Von ethischen Fragen bis hin zur Planung und Ausführung einer Ausstellung haben wir vieles besprochen, so viel, dass wir kaum Fotos gemacht haben. Aus diesen Gesprächen resultiert übrigens der Artikel “Begegnung mit Ralf Scherer”, der in der kommenden Ausgabe des Soul Of Street Magazins zu lesen sein wird. Ralf brachte mir mit seiner Begeisterung das Genre Streetportraits näher. Würde ich mich damit in meiner Arbeit auch einmal auseinandersetzen?

Die Antwort auf diese Frage ist ja, denn vor nicht allzu langer Zeit konnte ich während des Walks in Köln eine Zeit mit Dieter Wunderlich sprechen und ihn beobachten, wie er die Menschen anspricht, die er portraitiert. Ich war beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit Dieter die Menschen anspricht. Nicht weniger beeindruckend, welche Quote er dabei erreicht. Von den angesprochenen Menschen hat nur einer nicht portraitiert werden wollen. Das muss ich doch auch können? … Ja, kann ich. Ich war so inspiriert von Dieters Arbeitsweise, dass ich es probiert habe. Was soll ich sagen, es funktioniert. An der Quote muss ich allerdings noch arbeiten. Freundlichkeit zahlt sich hier wirklich aus. Eine Auswahl von Dieters Bildern kann  man auf der Site der Fotocommunity finden, sein Name dort ist DIWU.

Der dritte Inspirationstag ereignete sich in Duisburg mit Achim Katzberg. Aus dieser Begegnung nehme ich zwei ganz wichtige Dinge mit. Das ist einerseits  unsere gemeinsame Abneigung gegen dogmatisches Vorgehen in der Streetfotografie (35mm, kein Telezoom, nur schwarz-weiß, etc.).  Andererseits hat es mich ganz besonders gefreut, dem Achim bei seiner Arbeit über die Schulter schauen zu können. Ich mag besonders das Graphische, das viele seiner Bilder auszeichnet, und so war es sehr lehrreich, dass ich mich an diesem Tag ebenfalls auf graphische Elemente konzentriert habe. Die Umstände machten es schwierig, ausgiebig zu fotografieren, denn es war eisig kalt, der heftige Wind blies Schneeflocken waagerecht durch die Straßen, und die Stadt zunächst menschenleer, aber zuhören und –schauen haben mich sicher weitergebracht.

Es sind diese drei Dinge, die mich weiterbringen. Studium der Vorbilder, kritischer, aber selbstbewusster Umgang mit dem eigenen Bild, aber vor allem das persönliche Gespräch. Ich bin absolut kein Theoretiker, auch wenn es nach dem Lesen dieser Zeilen so scheint. Ich mache vieles aus dem Bauch heraus. Das Bauchgefühl wird jedoch vom Erlernten beeinflusst. Ich will es so formulieren, der Instinkt für unser Genre ist Basis einer Weiterentwicklung zur fotografischen Persönlichkeit. Ohne Instinkt bleibt die Entwicklung auf technischem Niveau hängen, das Persönliche verschwindet hinter Wissen.

Die Streetfotografie ist mein Hobby, meine große Leidenschaft, und ich hoffe sehr, dass ich es schaffe, Menschen für meine Bilder zu begeistern. Ich bin noch weit von einem echten Stil entfernt, aber ich bin bereit zu lernen und genieße den Kontakt mit Gleichgesinnten. Ganz wichtig dabei ist mir, dass ich immer, wirklich immer eine Kamera dabei habe. Welche die beste ist? Dazu gibt es einen alten Leitspruch: “Die beste Kamera ist die, die Du dabei hast” … meine GR2 von ist schön klein und dabei sehr leistungsstark, also sehr gut geeignet für die Jacken- oder Hosentasche 😉

Der Straßengeier

Kibbeling in Arnhem

Von misslungenen Überraschungen, von Fisch in mundgerechten Happen und von einem Dorf, dass in dieser Geschichte eigentlich überhaupt keine Rolle spielt …

Reiner in action …

 Es ist Januar, genauer gesagt Ende Januar. Das Wetter zeigt sich von seiner schönsten Januarseite, die Sonne scheint und es ist arschkalt, als eine Gruppe von drei – völlig überraschend sollen es letztlich vier werden – junger und mittlalter Streetfotografen aus dem Soul of Street Team sich aufmacht, um das niederländische Arnheim – im Laufe dieses Berichtes lernen wir, dass es eigentlich Arnhem heißt –  und seine Bewohner fotografisch unter die Lupe zu nehmen. Dieser kurze Reisebericht soll aufzeigen, wie man dem Reiz der niederländischen Esskultur erliegt, viel Spaß auf einer ehemals schwer umkämpften Brücke hat und trotzdem noch zu ganz akzeptablen Fotos kommt.

Foto: Reiner Girsch

Ich hatte mich mit Reiner und Horst verabredet. Die beiden sollten mit dem Auto zu mir kommen. Wir wollten nach Arnhem, einfach mal einen Ausflug in eine andere Stadt machen. Daniel wollte ursprünglich mitkommen, musste aber krankheitsbedingt absagen. Wir hatten uns für Arnheim entschieden, weil es von mir aus innerhalb einer halben Stunde recht günstig mit dem Zug zu erreichen und zum Fotografieren ziemlich geeignet ist. Außerdem ist die rechtliche Lage in den Niederlanden für uns Streetfotografen wesentlich einfacher, da man dort weit weniger paranoid ist, was das Fotografieren im öffentlichen Raum viel einfacher macht. Hierzu empfiehlt es sich, den Artikel „Begegnung mit Fokko Muller“ in der Ausgabe 15 des Soul of Street Magazins zu lesen.

Foto: Reiner Girsch

Schon kurz nach der Abfahrt der beiden in Köln hat uns der Jan bewiesen, wie man völlig schnörkellos eine Überraschung zerstören kann: man braucht nur den an sich überraschenden Fakt, dass man ganz überraschend mitkommt, bei Facebook zu posten. Jan reist nach Arnhem/Niederlande … da half dann auch das Flugzeug nicht mehr, das wohl andeuten sollte, dass Jan mit dem Flieger unterwegs war. Naja, man lernt nie aus, und ich habe mich gefreut, auch wenn es dann weniger überraschend war, dass Jan zusammen mit Reiner und Horst in der Tür stand.

Foto: Jan We

Bei einer Tasse Kaffee kamen wir schnell zum Schluss, dass wir mit dem Zug nach Arnhem wollten, da in den Niederlanden die Parkgebühren unanständig hoch sind. Dazu kommt, dass es tatsächlich ein Ticket für vier Reisende gibt, dass den ohnehin schon günstigen Fahrpreis noch halbiert.

Im Zug gab ich mir vergebens die Mühe, meinen Mitreisenden ein wenig die Gegend und das Grenzgebiet näherzubringen bzw. zu erklären. Vergebens, weil die drei sich verhielten, wie meine Schüler. Sie taten noch nicht mal so, als interessierte sie das alles. Als eher zurückhaltender Typ, der ich ja bin, habe ich trotzdem weitergeredet und so meine Information zumindest angeboten.

Arnhem Centraal, der Hauptbahnhof von Arnhem, ist ein schönes Bauwerk, angelehnt an den Bahnhof in Lüttich, und lädt zum ausgiebigen Fotografieren ein. Die Kombination von Architektur und Mensch ist außerordentlich reizvoll, so dass wir zunächst dort einige Zeit verbrachten.

Foto: Jan We

Die Innenstadt selbst ist Samstags recht voll. Mit ein wenig Kreativität kann man hier tolle Bilder machen. Manchmal verliert man Fotografenkollegen, die halt Hunger haben (und wenn Jan Hunger hat, dann hat Jan Hunger!), und der ein oder andere findet eine Gelegenheit, die man ausnutzen muss. So kam es, dass Reiner und ich doch ziemlich lange hinter, neben und unter einem Reklameaufsteller in Richtung eines orangefarbenen Containers spähten und fotografierten.

Nachdem wir wieder zu Horst aufgeschlossen und Jan gefunden hatten, gingen wir Richtung Markt, wo es zur schicksalhaften Begegnung mit Kibbeling kam. Mir völlig unbegreiflich, kannte Jan diese niederländische Spezialität gar nicht, währen Reiner und Horst eine abgespeckte Version aus ihrer Betriebskantine kannten. Kibbeling ist im Grunde in Stücke gehackter Backfisch, in Teig gebadet und in heißem Öl frittiert. Am Ende kommt noch eine ordentliche Priese durstverursachender Gewürzmischung auf den Fisch, und man bestellt ihn wahlweise mit Knoblauch-, Joghurt-, Cocktail- oder Ravigottesauce. „Gewoon lekker“ – einfach lecker. Fanatisch, wie wir sind, haben wir auch während des Essens an einem gemütlichen Stehtisch fotografiert.

Foto: Horst Frommont

Vom Markt ging es Richtung Rhein und zur Brücke von Arnhem, bekannt aus Film und Geschichte. Die Treppen, in Kombination mit dem vorherrschenden Licht, waren fantastische Fotografierlocations … nur kamen keine Menschen vorbei. War da dann mal jemand, dann war ich entweder an der falschen Treppe oder einer der Kollegen befand sich zusammen mit diesem Jemand auf der Treppe. Da werde ich auf jeden Fall noch mal hinfahren und mehr Zeit verbringen … es darf ruhig erst etwas wärmer werden.  Interessant wurde es, als Reiner im Rahmen seiner Serie „Gefragtes Portrait“ in ein Gespräch mit einer französischen Aktionskünstlerin verwickelt wurde, die an jenem Tag weniger aktiv war, jedoch am Wochende davor offensichtlich zusammen mit ihrer Kollegin nackt durch den Hochwasser führenden Rhein gestiefelt war. Hätten wir eine Woche früher fahren sollen? Nee, sicher nicht, es gibt Dinge …

Foto: Horst Frommont

Wenige Meter von der Brücke entfernt trafen wir einen BMXer und zwei Skater, die uns geile Fotos mit Gegenlicht und Shilouetten ermöglichten. Da die Sonne schien, war es kurzfristig sogar nicht ‚mal unangenehm, sich auf den Boden zu setzen und die Situation zu genießen. Die Fotos hier gehören sicher zu den Höhepunkten unseres Ausfluges. Von dort führte unser Weg zurück durch die Stadt und zur Rückseite des Bahnhofs.

Linien und Farben …

Die Rückfahrt wurde geprägt vom Sprachtalent des legendären Jan We … all meine Erklärungen, dass das e in Praest nicht fungiert, um aus dem a ein ä zu machen, sondern ein Dehnungs-e ist, dass also den Klang des a’s verlängert prallten von ihm ab. Ich nehme an, dass jenes Dorf für Jan fortan und in alle Ewigkeiten einfach Präst heißt. Unnachahmlich ist jedoch die Art und Weise, wie Jan in beinahe perfekter Aussprache die Formulierung „Kibbeling in Arnhem“ intoniert. Wenn Ihr ihn seht, dann sprecht ihn an …

Es war ein gelungener Ausflug. Wir haben viele Bilder gemacht, einige sind selbst ganz gut geworden. Ich freue mich bereits auf unseren Berlinausflug und auf weitere Ausflüge, gerne auch spontan. Es hat Spaß gemacht, Jungs!

Der Straßengeier

Follower generieren

Von (künstlich) generierten Instagram-Followern, von meinem Test und von meiner Erschütterung beim Betrachten der Ergebnisse …

 Wie viele Follower hast Du bei Instagram? Eine Frage, die doch die meisten von uns zumindest ein wenig beschäftigt. Als (Street-)Fotograf habe ich natürlich das Bedürfnis, meine Bilder möglichst vielen Menschen zu zeigen. In einem früheren Beitrag habe ich bereits einmal darauf hingewiesen, dass ich Likes gegenüber recht skeptisch bin (https://strassengeier.de/?p=202). Trotzdem schmeichelt es mir natürlich, wenn ich bei Instagram einen neuen Follower bekomme, denke ich doch in erster Linie, dass demjenigen meine Bilder gefallen. Zu oft waren die Follower aber nach wenigen Stunden schon wieder verschwunden, was die Vermutung nahe legt, dass das Follow/Unfollow-Game tatsächlich besteht. Das wollte ich genauer wissen, und so habe ich gestern einen Test gemacht, der, soviel sei vorab verraten, auf mehreren Ebenen erfolgreich war …

Dies ist dann auch mein erster Beitrag, den ich nicht bebildere … hab’ irgendwie nichts, was mir passend erscheint.

Bei meiner Recherche im Internet erfuhr ich von einer Möglichkeit, mehrere hundert Follower an einem Tag zu generieren, ohne eine App oder ein illegales Script zu benutzen. Nur durch den Einsatz von ein paar Minuten sollte es möglich sein, sehr schnell die Zahl meiner Follower zu vervielfachen.

Dieser Anleitung zum Selbstbeschiss bin ich gefolgt. Was habe ich also getan? Ich habe die Suchfunktion von Instagram genutzt und dort unter den Hashtags einen gesucht, der relevant ist für meine Genre, bzw. für meine Zielgruppe. Ich betreibe Streetfotografie und somit waren die Hashtags „streetphotography“, „streetphoto“ und „streetfotografie“ wohl die geeignetsten, die ich finde konnte. Nach dem Anklicken eines dieser Hashtags bekommt man einen riesigen Haufen Bilder zu sehen, die neun wichtigsten und erfolgreichsten, also die mit den meisten Likes, werden oben, in einem Extrablock angezeigt. Hier habe ich eins ausgewählt, das mindestens 1000 Likes hatte, und mir die Follower anzeigen lassen, die dieses Bild mit ihrem Like versehen hatten. Der Rest ist einfach, denn man kann nun ohne viel Aufwand (man kann dabei Kaffee trinken, diskutieren oder Fernsehen … etc.) all denjenigen, die da aufgelistet stehen folgen. Bei einem Bild mit 1000 Likes sind das 1000 Accounts, die in Frage kommen, Dir zurückzufolgen, denn darum geht es in diesem „Spiel“. Die einzige Begrenzung, die Instagram benutzt, ist die Tatsache, dass die Follow-Buttons bei zu exzessivem Gebrauch durchsichtig und unklickbar werden. Eine Stunde später funktioniert das aber schon wieder. Letztlich habe ich einmal pro Stunde mindestens 45 bis 50 Follow-Buttons geklickt, insgesamt etwa 1300! Das kann man so weiterführen, bis man (wenn ich das gut gelesen habe) 7500 Accounts mehr folgt, als man Follower hat, dann schreitet Instagram ein.

Das Ergebnis folgte umgehend, in weniger als 24 Stunden habe ich ca 300 neue Follower generiert. 300 neue Follower, die sich größtenteils meine Bilder genauso wenig angeschaut haben, wie ich mir die ihren. In meinen Neuigkeiten sah ich allerdings mehr Bilder, die mich nicht interessierten, als solche, denen ich etwas abgewinnen konnte. Nicht, dass alles schlechte Fotos waren, vielmehr hatte ich blind Landschaftsfotografen, Architekturliebhaber und Fotografen der Tier- und Pflanzenwelt abonniert. Da waren tolle Aufnahmen dabei, aber sie entsprechen halt nicht meinem Thema.

300 neue Follower ohne viel Aufwand und in kurzer Zeit generieren zu können, sagt natürlich etwas aus über den Wert dieser Zahlen. Ähnlich wie bei den Likes geht es offensichtlich nur um diese Zahl. Inhalte werden unwichtig, ich folge Dir, Du folgst mir, anders funktioniert das nicht. Was aber habe ich von einem Follower, der mir nicht wegen meiner Bilder folgt, sondern nur damit ich zurückfolge, und wir die Anzahl unserer Follower erhöhen können? Nichts, es geht, wie so oft, nur um Zahlen, seelenlose Ziffern, die scheinbaren Erfolg beweisen. Ich habe mir heute die Mühe gemacht, all meine Folgeaktionen von gestern wieder rückgängig zu machen, sogar die, die mir zurückfolgen. Das führt zu einem Rückgang bei meinen Followern, was allerdings wesentlich langsamer geschieht als das Folgen selbst, und zu einem interessanten Austausch mit einem Fotobegeisterten führte, der zunächst etwas säuerlich auf meine Aktion reagierte, was natürlich verständlich ist. Das Follow/Unfollow-Spiel ist eine Seuche, und den Ärger darüber erfahre ich selbst genauso. An dieser Stelle meine Entschuldigung an alle, die mir gestern auf den Leim gegangen sind, ich werde hier sicherlich nicht jeden erreichen, aber letztlich habe ich niemanden geschädigt. Trotzdem empfinde ich so etwas wie Scham. Vielleicht ermögliche ich es jedoch dem ein oder anderen Leser, eben nicht auf dieses Spiel hereinzufallen.

Ich ziehe für mich folgende Schlüsse aus diesem Experiment: ich werde den sozialen Medien noch weniger trauen, als ich es eh schon tat. Ich werde mehr Wert auf echte Follower und echte Likes legen und mich auf meine Arbeit (mein Hobby) konzentrieren, statt auf die Anzahl meiner Follower. Vielleicht werde ich dann weniger wahrscheinlich berühmt, aber letztlich ist ein hoher Bekanntheitsgrad, der auf künstlich generierten Zahlen beruht, nicht wirklich erstrebenswert. Ich gebe zu, dass ich eine Ahnung hatte, dass dieses System funktionieren könnte, aber das Ausmaß meiner Erfolges schockiert und enttäuscht mich. Ich bin halt noch immer naiv genug, solche Geschichten anzuzweifeln. Ich glaube an das Gute und die Ehrlichkeit im Menschen, und das tue ich weiterhin, auch wenn mein Glaube durch mein Experiment wieder einmal erschüttert wurde.

Als Tipp zum Schluss, ich benutze eine App mit dem Namen “Followers Insight”. Diese App ermöglicht einen recht guten Überblick über Accounts, die folgen, nicht mehr folgen, oder Dich sogar blockieren (auch das haben zwei Menschen im Zuge meines Exeperiments getan).

Geht ‘raus oder ins Studio und fotografiert. Schert Euch nicht so sehr um Follower und Likes … auch wenn’s manchmal schwerfällt.

Der Straßengeier

Erkenntisse

Von meiner Stadt, vom Cosmopoliten in mir und vom philosophischen Aspekt der Streetfotografie …

Der Plan war, mindestens einmal im Monat einen Beitrag zu posten … schade, im Januar hat es nicht geklappt, aber es ist viel passiert. 2018 scheint fotografisch unter einem guten Stern zu stehen. Nachdem ich im Dezember letzten Jahres Fokko Muller für Soul of Street interviewt habe, wurde ich von den Jungs gefragt, ob ich nicht ins Redaktionsteam einsteigen wollte. Natürlich wollte ich, schließlich lese ich das Magazin schon lange, und ich finde es großartig, wenn ich meinen Beitrag liefern darf am großen Lanzenbruch für mein Lieblingsgenre. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen. Das wollte ich eben loswerden, doch nun zum eigentlichen Beitrag:

Arnhem Centraal … ich mag es, hier zu fotografieren …

Wer sich mit Fotografie beschäftigt, der findet irgendwann Gleichgesinnte, mit denen er sich austauscht und wahrscheinlich unweigerlich irgendwann Projekte startet. Gegenwärtig schraube ich an einem Projekt herum, in dem ich meine Stadt in zehn Bildern vorstellen soll, komme aber nicht wirklich voran. Ich wohne in einer kleinen Stadt am Rhein, in der niederrheinischen Tiefebene, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze gelegen. Es gibt hier schöne und weniger schöne Flecken, wie wohl in jeder Stadt, und ich bin davon überzeugt, dass es eigentlich kein Problem sein dürfte, die Stadt in zehn aussagekräftigen Streetfotos adäquat zu dokumentieren.

Im Zug … ich reise gerne mit dem Zug … wenn es nicht zu voll ist, und am Liebsten ohne Fußballfans und Karnevalisten 😉 …

Warum komme ich dann nicht aus dem Quark? Wieso fehlt mir jegliche Inspiration? Was hält mich davon ab, Gas zu geben und meine freie Zeit – ich habe im Moment ja Ferien – für das Projekt zu nutzen? Darüber denke ich seit Tagen nach, und ich denke, ich bin endlich dahinter gekommen. Die Antwort ist einfach und zugleich ziemlich verwirrend, zumindest am Anfang. Das Ganze hat nämlich mit meiner Identität zu tun …

Oha, das klingt aber gefährlich, ist es aber nicht, denn es ist befreiend, erweitert meinen Horizont und bringt mich mir selbst näher, während es mich von meinem Ich entfernt, und das ist durchaus erstrebenswert.

Köln … durch Soul of Street mein zweites Wohnzimmer … rund um den Dom halte ich mich immer gerne auf …

Meine Stadt, mein Land, meine Heimat … für mich leere Worthülsen, mit denen ich wenig anfangen kann. Ich weiß, was sie bedeuten, sie haben aber keine Bedeutung für mich.

– Ich habe keine Stadt. Ich wohne hier seit dem Ende der 70er Jahre, als meine Eltern aus beruflichen Gründen hierher zogen. Ich bin hier zum Gymnasium gegangen, habe das schlechteste Abitur meines Jahrganges gemacht, und ich bin hierher zurückgekommen, nachdem ich eine Zeit in Münster gelebt hatte. Hier am Niederrhein habe ich viele gute und schlechte Zeiten durchlebt, Menschen kennengelernt und wieder aus den Augen verloren, und mit Familie, Haus und Garten habe ich hier meinen Rückzugspunkt, wenn es mir draußen wieder einmal zu bunt wird. Das ist ganz und gar großartig, ist aber nicht abhängig vom Ort, sondern könnte überall sein. Es sind die Menschen, die diesen Rückzugspunkt ausmachen. So sieht es aus.

In Lent, NL, arbeite ich …

– Ich habe auch kein Land. Ich habe das Glück, in einem Land geboren zu sein, in dem es mir gut geht, ich keinen Hunger leiden muss, und in dem ich Zugang zu Bildung habe, den ich nutzen kann, um mir eine Meinung zu bilden, die ich frei äußern darf. Die Tatsache, hier geboren zu sein, macht dieses Land aber nicht zu meinem Land. Diesem „Mein-Land-Gedanken“ entspringen Patriotismus und Nationalismus, Begrifflichkeiten, die mir kalte Schauer den Rücken herunterlaufen lassen. Ich fühle mich nicht als Deutscher. Ich bin Mensch. Das ist alles.

Karneval … ein Stück “Heimat”…

– Den Begriff Heimat mag ich so gar nicht. Zumindest nicht in der Bedeutung, in der er überwiegend gebraucht wird. Heimatland, Heimatschutz, Heimat…dies und …das – Heimat ist der Fleck, der Platz, der Ort, an dem man verwurzelt ist. Der Gedanke, verwurzelt zu sein widerstrebt mir so sehr, dass mir jedes Mal, wenn ich mit dem Wort Heimat konfrontiert werde, kalte Schauer den Rücken herunterlaufen. Ich bin unendlich froh, keine Pflanze und somit nicht der Notwendigkeit unterworfen zu sein, irgendwo Wurzeln schlagen zu müssen, und mich so örtlich festzulegen. Wenn ich an der Mauer der Stammkneipe des örtlichen Schützenvereins die Worte „Glaube, Sitte, Heimat“ lese, dann wird mir ehrlich gesagt leicht schlecht. Die einzige Heimat, die ich mir gefallen lasse ist die Welt und die Freiheit der Gedanken. So viel dazu.

Am frühen Morgen mit dem Zug nach Amsterdam gefahren … (war saukalt) …

Im Grunde bin ich also Stadt-, Land- und Heimatlos, oder besser gesagt, fühle ich mich an vielen Orten, auch gedanklicher Natur „beheimatet“. Zunächst hat mich dieser Gedanke ziemlich verwirrt. Im weiteren Verlauf meines Diskurses mit mir selbst komme ich jedoch mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass er sehr befreiend ist. Er garantiert Offenheit für alle Kulturen dieser Welt (und darüber hinaus), er gibt mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und er öffnet das Herz für die Menschen um mich herum, egal, ob oder wo sie nun eine Stadt, ein Land oder eine Heimat haben. Die Identifikation über Herkunft, Erfolg und Besitz, die so viele Menschen brauchen, löst sich auf, die Identität wird zugleich schwammig aber auch freier, das Ich, wie es in unserer dem Egoismus verfallenen Gesellschaft verstanden wird, löst sich auf. Das meine ich mit Befreiung.

Freude und Verwunderung geht überall …

Was das alles mit (Street-)Fotografie zu tun hat? Ganz einfach, ein fotografisches Projekt hat mich diese Gedanken, die zugegebenermaßen nicht neu sind, weiter und tiefer denken lassen. Außerdem hilft es sehr, die Menschen zu beobachten, sie in ihrem Gefangensein in Begrifflichkeiten und vorgegebenen Strukturen zu erleben, die greifenden, scheinbar allgemeingültigen Mechanismen zu erkennen. Es hilft bei der Erkenntnis, dass Identitäten ganz andere Inhalte haben können als man gewohnt ist, und es hilft dabei, bessere, vielleicht irgendwann gute Bilder zu machen. Die Streetfotografie als einzige wahre, im Sinne von ungestellte, Fotografie leistet so ihren Beitrag am Streben nach Erkenntnis. Sie hat also durchaus den oft hinterfragten philosophischen Aspekt, der auch im Logo von Soul of Street integriert ist. Photography and philosophy … ja, das geht nicht nur, das gehört sogar zusammen.

Meine Konsequenz aus der ganzen Geschichte? Ich werde das Projekt etwas anders interpretieren. Meine Stadt ist irgendwie jede Stadt. Ich werde im Endergebnis nicht eine Stadt vorstellen, sondern Flecken, die dazu geeignet sind, die jeweilige Stadt zu „meiner“ Stadt zu machen. Ich bin jetzt schon gespannt, wie die anderen Teilnehmer darauf reagieren …

Der Strassengeier